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Ein Zeichen an die Täter

Warum die Deutschen recht verhalten auf den Terror reagieren. Ein Zeichen an die Täter

Was wäre die passende Maßeinheit für Trauer und Entsetzen? Die Zahl von ARD-„Brennpunkten“ pro Woche? Drei Sondersendungen nach der Tagesschau gleich große Trauer?

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Von Thorsten Fuchs

Was wäre die passende Maßeinheit für Trauer und Entsetzen? Die Zahl von ARD-„Brennpunkten“ pro Woche? Drei Sondersendungen nach der Tagesschau gleich große Trauer? Oder die Menge von Kerzen an zentralen Plätzen in deutschen Städten? Nein, für Gefühle wie diese gibt es kein Maß. Und doch spricht viel dafür, dass sich der Schrecken und die Erschütterung nach dem Anschlag in Istanbul in Grenzen halten. Ein Zeichen für unsere Gleichgültigkeit? Gehen uns zehn ermordete Deutsche nicht mehr nahe?

Es ist auffällig, was es in Deutschland dieser Tage alles nicht gibt. Spontane Beileidsbekundungen, Blumensträuße zwischen Trauerlichtern und handgeschriebenen Appellen an die Menschlichkeit, alles das sucht man in deutschen Städten derzeit weitgehend vergebens. Sicher es gab Gedenkveranstaltungen, in Berlin zum Beispiel, in Frankfurt am Main, in Brandenburg. Aber einen kollektiven Aufschrei im Netz wie nach den Anschlägen von Paris, ein eigenes Logo der Trauer, Solidaritätsadressen nach dem „Je suis...“-Muster, alles das blieb nach Istanbul aus. Es waren türkische Zeitungen, die nach dem Anschlag sehr emotionale Schlagzeilen auf Deutsch verfassten. Deutschland dagegen bleibt gefasst — wie lässt sich das erklären?

Es wäre schade, wenn das Verhalten als Kühle interpretiert würde. Aber es gibt auch nachvollziehbare, geradezu objektive Gründe dafür, dass wir relativ nüchtern auf das Geschehen reagieren. Die Anschläge von Paris und Istanbul weisen am Ende doch Unterschiede auf — in der Zahl der Opfer, der planvollen Grausamkeit, der Logistik des Mordens. Der Anschlag in Istanbul galt offensichtlich der Türkei, ihr touristisches Herz sollte getroffen werden. Dass eine deutsche Reisegruppe zum Ziel wurde, war wohl Zufall. Und Istanbul ist, trotz Ferienflügen im Stundenrhythmus, weiter weg.

Aber, ja, es gibt auch eine Gewöhnung an den Terror. Mörder an tunesischen Stränden? Messerstecher im Hotel am Roten Meer? Eine Bombe im russischen Ferienflieger? Meldungen von islamistischen Attentaten gehören inzwischen zum festen Inventar der Nachrichten. Wir würden verrückt, wenn wir die Reizschwelle unserer Betroffenheit nicht ein wenig hinaufsetzen würden. So lässt man nicht mehr alle Nachrichten nahe an sich heran.

Und so gibt es am Ende vielleicht auch eine Trotzreaktion. „Mürrische Gelassenheit“ empfiehlt der Politologe Herfried Münkler als Mittel gegen den Terror. Gemeint ist keine Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern, aber ein Zeichen an die Täter, dass uns die Trauer nicht um den Verstand bringen wird. Alle Umfragen belegen, dass die Deutschen die Bedrohung durch den islamistischen Terror sehr realistisch einschätzen. Solange das so bleibt, ist eine gewisse Abgeklärtheit ein guter Weg des Umgangs mit dem Thema. Berichte Seite 4

LN

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