Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
„Einigen Kollegen tut das weh“

Pflichtbeitrag für Pflegekräfte „Einigen Kollegen tut das weh“

Der Brief kam vom Kieler Sozialministerium: Der Landtag habe die Errichtung einer Pflegeberufekammer beschlossen und sie, die Lübecker Krankenschwester Claudia von Döhren, werde ab 2018 darin Mitglied sein. Dafür werde ein monatlicher Mitgliedsbeitrag fällig. Dazu ein Fragebogen mit der Aufforderung, sich zu registrieren.

„Es geht auch um die Emanzipation der Berufsgruppe“, ist Martin Dichter, Vorsitzender des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe in Hannover überzeugt. Die Registrierung diene dazu, aktuelle Daten zu bekommen und den Bedarf festzustellen.

Quelle: dpa

Lübeck. „Ein Beitrag?“, wunderte sich von Döhren. „In welcher Höhe denn? Und wofür eigentlich?“ Als Teilzeitkraft falle ihr Gehalt nicht üppig aus. Gefragt habe sie niemand. „Das kann doch nicht sein“, war ihre erste Reaktion. Die Registrierung empfindet sie als Zumutung.

Mit ihrer Empörung steht die Krankenschwester nicht allein. „Wir sehen das kritisch“, ist etwa beim Personalrat des Lübecker Universitätsklinikums (UKSH) zu hören. Es gebe im Haus kritische Stimmen, Anrufe, Beschwerden.

„Wir haben zahlreiche Mitglieder, die überlegen gegen die Zwangsmitgliedschaft in der Pflegeberufekammer zu klagen“, erklärt Landesfachbereichsleiterin Sabine Daß von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Leider versprächen diese Klagen keinen Erfolg. In anderen Bundesländern sei die Kammer, die in Schleswig-Holstein aufgebaut werde, schon gegründet. „Da ist nichts zu machen“, so Daß. „Das ist verfassungsgerichtlich entschieden.“

Die neue Kammer, der neue Beitrag – für Daß „eine Katastrophe“. Auch wenn er, wie in Rheinland-Pfalz, bei unter zehn Euro im Monat liegen sollte. Daß: „Für geringfügig Beschäftigte ist das eine Sauerei.“ Eine 450-Euro-Kraft könne nicht zehn Euro Beitrag im Monat bezahlen. „Und ob der Beitrag nach Verdienst gestaffelt sein wird, ist völlig unklar.“

1760 Euro netto betrage das Einkommen eines Pflege-Berufseinsteigers nach dem Caritas-Tarif, weiß Andrea Schulz-Colberg vom katholischen „Krankenhaus Reinbek St-Adolf-Stift“. Da tue es einigen Kollegen weh, einen Obolus in unbestimmter Höhe zu akzeptieren, bestätigt Susanne Wulf, Leiterin der Mutter-Kind-Station. „Manche haben ja auch nur eine halbe Stelle oder so.“ Sie selbst sei dennoch für die neue Pflegeberufekammer und habe sich auch schon registriert. „Es ist sicher gut, eine solche berufsständische Vertretung zu haben.“

Angela Poling vom DRK-Bildungszentrum in Mölln sieht das ähnlich. „Es wird darauf reduziert, dass es etwas kostet“, meint die Schwester. „Aber ich glaube, dass wir ohne Kammer in der Pflege nichts bewegen können.“

„Es geht auch um die Emanzipation der Berufsgruppe“, ist Martin Dichter, Vorsitzender des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe in Hannover überzeugt. Die Registrierung diene dazu, aktuelle Daten zu bekommen und den Bedarf festzustellen. Die Kammer könne Ausbildungsstandards festlegen und so helfen, qualifiziertes Personal für den leergefegten Markt aufzubauen. Für Tarifverhandlungen indes sei sie nicht zuständig. Die Tarife sind bislang völlig uneinheitlich.

Die Kammer sei überflüssig, folgert Verdi-Frau Daß. „Alle Aufgaben, die sie haben soll, werden doch bereits wahrgenommen.“

Kommentar: Neue Kammer sollte vernünftig informieren

Es ist beschlossen: Eine neue Pflegeberufekammer soll her. Die einen sprechen von einer notwendigen berufsständischen Vertretung, die vieles verbessern kann. Die anderen meinen, wenn es bisher ohne ging, dann kann es ruhig so bleiben. Zumal die Neuerung Geld kostet.

Nur: Gut ging und geht es im Pflegebereich leider durchaus nicht. Die Missstände in Krankenhäusern und Altenheimen sind seit Jahren Thema. Da sollte jeder Versuch, wirksam Abhilfe zu schaffen, willkommen sein. Ob die neue Standesvertretung wirklich etwas bringt und etwas bewegen kann, wird wie immer letztlich an den handelnden Personen liegen – ähnlich wie bei der Ärztekammer.

Ohne breite Unterstützung der Basis aber geht es nicht. Diese zu gewinnen muss daher die erste Aufgabe sein. Und dazu gehört vor allem eine vernünftige Informationspolitik. Daran fehlt es bisher offensichtlich.

 Marcus Stöcklin

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Sonntagsreden

Von Börse bis Fußballplatz - Blogs unserer "Edelfedern".

Kommentar

Bissig, polemisch, kontrovers: Kommentare aus den LN.

Am Sonntag, 5. November, sind Bürgermeister-Wahlen in Lübeck. Gehen Sie hin und geben Ihre Stimme ab?

Reporter vor Ort

In einer fortlaufenden Galerie zeigen wir Ihnen jeden Tag die wichtigsten Bilder aus Lübeck und den umliegenden Kreisen. An dieser Stelle finden Sie die Galerie für den Oktober 2017.