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Erdogans Kampfzone

Der türkische Präsident agiert noch auf Nebenschauplätzen. Erdogans Kampfzone

Superman braucht keinen Gurt“, erwiderte der Boxer Muhammad Ali einst auf die Aufforderung eines Flugbegleiters, sich anzuschnallen.

Superman braucht keinen Gurt“, erwiderte der Boxer Muhammad Ali einst auf die Aufforderung eines Flugbegleiters, sich anzuschnallen. Im Hang zur Großmäuligkeit steht der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seinem Idol Ali in nichts nach. Bevor Erdogan am Mittwochabend das Flugzeug bestieg, das ihn in die USA zur heute stattfindenden Beerdigung Muhammad Alis brachte, forderte er im Gespräch mit Reportern Deutschland auf, seinen „Fehler zu korrigieren“ und von der Bundestagsresolution zum Völkermord an den Armeniern Abstand zu nehmen. Sonst werde die Türkei andere Saiten aufziehen. Dann stieg Erdogan ins Flugzeug. Fraglich, ob er angeschnallt geflogen ist.

 

LN-Bild

Von Marina Kormbaki

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Zu allem, was Recep Erdogan von Muhammad Ali fundamental unterscheidet, zählt vor allem dies: Erdogans Kampfzone beschränkt sich nicht auf einen 25 Quadratmeter großen Boxring. Er teilt kräftig und weitläufig aus, seine Verbalhiebe treffen die türkische und die deutsche Gesellschaft ins Mark. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie stark Erdogans Provokationen und Polarisierungen das Verhältnis beider Staaten zueinander beschädigen können.

Der Bundestag, den Erdogan nach dessen Annahme der Resolution zum osmanischen Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren zur langen Liste seiner Gegner hinzugefügt hat, nimmt diese Rolle furchtlos an. Bundestagspräsident Norbert Lammert hat sich in wohltuender Deutlichkeit vor allem vor die türkischstämmigen Abgeordneten gestellt, die nun Bedrohungen vonseiten türkischer Nationalisten ausgesetzt sind. Die Reaktion wird Erdogan kaum überrascht haben, entspricht sie doch seiner bisherigen Linie, deutsch-türkische Konfrontationen auf Nebenschauplätzen der großen Politik auszutragen, ob dies nun Satiresendungen sind oder eben das Parlament – eine Institution, für die Erdogan auch daheim in Ankara nicht viel übrig hat.

Erdogans Vorwürfe sind überzogen und verletzend, keine Frage. Bislang aber ist seine Reaktion auf die Anerkennung des Genozids vor allem symbolischer Art. Erdogan hat die EU-Beitrittsgespräche nicht platzen lassen, er hat den EU-Türkei-Flüchtlingsdeal nicht aufgekündigt – erst gestern wurden wieder Syrer von Griechenland in die Türkei zurückgebracht –, und er spart die Bundesregierung bei seinen Verbalattacken aus. Das deutsch-türkische Verhältnis liegt also nicht in Scherben, wie manche meinen. Das liegt auch an Angela Merkel. Man kann aus gutem Grund empört sein über die Zurückhaltung der Kanzlerin. Allerdings wäre niemandem geholfen, wenn die Kanzlerin die Provokationen Erdogans erwidern, wenn also der türkisch-deutsche Konflikt auf Regierungsebene ausgetragen würde. Leidtragende wären auch 3,5 Millionen Deutschtürken, von denen sich viele schon jetzt vor eine Zerreißprobe gestellt sehen.

LN

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