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Erinnern verbindet

Gaucks Besuch in Oradour folgt einer guten Tradition. Erinnern verbindet

Ganze Landstriche wurden entvölkert und verwüstet. Die Überlebenden waren traumatisiert von Erschießungen, Folter, Plünderungen, Vergewaltigungen, Hunger, Seuchen.

Ganze Landstriche wurden entvölkert und verwüstet. Die Überlebenden waren traumatisiert von Erschießungen, Folter, Plünderungen, Vergewaltigungen, Hunger, Seuchen. Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 prägte Europa. Doch es lässt sich heute gut in Europa leben, ohne etwas über diesen Krieg zu wissen. Wird auch der Zweite Weltkrieg eines Tages in Bibliotheken und Archiven verschwinden? Wird Gras über die Ruinen von Oradour-sur-Glane wachsen, das Bundespräsident Gauck gestern besucht hat? Vielleicht. Aber wir werden es nicht mehr erleben.

Was passiert, wenn man einen Schlussstrich zieht, lässt sich an der Nachkriegsgeschichte beider deutscher Staaten sehen. Die DDR erklärte sich zum antifaschistischen Staat und damit die Vergangenheit für bewältigt. In der Bundesrepublik versagte die Justiz bei der Verfolgung deutscher Kriegsverbrecher fast komplett. So besiegt man die Vergangenheit nicht. Im Gegenteil: Dann wehrt sie sich erst recht. Man besiegt sie nur mit Erinnerung.

Die Art der Erinnerung verändert sich. Als Bundespräsident Richard von Weizsäcker, selbst Soldat im Zweiten Weltkrieg, am 8. Mai 1985 das Kriegsende unmissverständlich als Befreiung würdigte, lebten viele der Täter und Opfer noch. Die klaren Worte waren für sie persönlich schmerzhaft, befreiend oder lindernd, je nachdem. Heute sind selbst die, die den Krieg als Kinder erlebt haben, alt.

Das schafft die Distanz, die nötig war, um die Erinnerung aus nationalen Zwängen zu befreien. Wir sind Deutsche, aber wir sind nicht die Deutschen, die vor 70 Jahren Europa mit Krieg überzogen, Mordfabriken betrieben und ganze Dörfer auslöschten.

Selbst wenn der letzte Zeitzeuge gestorben ist, wird es noch lange dauern, bis der Zweite Weltkrieg zu Papier wird wie der Dreißigjährige Krieg. Der Schock über diesen Bruch der Zivilisation sitzt Europa in den Knochen. Seine Wellen werden noch lange zu spüren sein in den Familien, in der Kunst, in der Politik. Wir müssen davor keine Angst haben. Die Tradition der deutsch-französischen Aussöhnung zeigt: Die Erinnerung, die Menschen erst getrennt hat, verbindet sie heute. Berichte Seite 3

LN

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