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Es rächt sich, dass der Kurdenkonflikt nie angegangen wurde

Kommentar Es rächt sich, dass der Kurdenkonflikt nie angegangen wurde

Das Erstarken der PKK in der Türkei ist auch dem harten Vorgehen des Militärs gegen die kurdische Minderheit geschuldet. Erdogan hat sich aber vor allem mit dem Ausgreifen nach Syrien gleich doppelt isoliert, glaubt unser Redakteur Gerd Höhler.

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Der Anschlag mitten im Regierungsviertel von Ankara, bei dem 28 Menschen ums Leben kamen, traf buchstäblich ins Herz des türkischen Staates. Die Reaktion der türkischen Regierung ließ nicht lange auf sich warten. Präsident Recep Tayyip Erdogan kündigte umgehend Vergeltung an. Und sehr schnell verkündeten die Behörden auch, wen sie für die Drahtzieher halten: die PKK und kurdische Milizen aus Syrien. Tatsächlich trägt das Attentat die Handschrift der kurdischen Arbeiterpartei und ihres syrischen Ablegers YPG. Niemand kann der Türkei das Recht bestreiten, sich gegen den Terror der Kurdenguerilla zu wehren.

Die Organisation nutzte die im Frühjahr 2013 von der Türkei ausgerufene Waffenruhe eiskalt aus, um eigene Interessen zu verfolgen. Während rundum von Bemühungen zur friedlichen Lösung des jahrzehntealten Konflikts die Rede war, nisteten sich Kämpfer in den Städten der Kurdenregion ein und legten dort riesige Waffenlager an. Ganze Landstriche erklärte die PKK zu „befreiten Gebieten“.

Das würde sich kein Staat der Welt gefallen lassen. Aber die Reaktion der türkischen Regierung war von unverhältnismäßiger, maßloser Gewalt geprägt: Im Kampf gegen die Rebellen legten die Streitkräfte während der vergangenen Wochen ganze Stadtteile in Schutt und Asche. Die ohnehin schwache Wirtschaft der Region im Südosten des Landes wurde um Jahrzehnte zurückgeworfen. Mehr als 100 000 Menschen wurden obdachlos und zu Flüchtlingen im eigenen Land.

Die Offensive der türkischen Armee mag die PKK militärisch geschwächt haben. Politisch aber sammelte die PKK in jüngster Zeit Punkte: Besondere unter jungen Kurden gewann sie als Reaktion auf das harte Vorgehen des türkischen Militärs viele neue Anhänger und Mitläufer. Inzwischen droht der Kurdenkonflikt eine unheilvolle Eigendynamik zu bekommen, die nicht nur die Türkei ins Chaos stürzen könnte. Es droht eine Kettenreaktion, die am Ende den Weltfrieden in Gefahr bringen könnte.

Vor allem das Ausgreifen Erdogans nach Syrien gibt dem Kurdenkonflikt eine gefährliche neue Dimension: Seit mehreren Tagen lässt Erdogan auch Stellungen der syrischen Kurdenmilizen YPG in Nordsyrien mit Artilleriegranaten beschießen. So will er die Pläne der YPG für eine kurdische Autonomiezone an der Grenze zur Türkei durchkreuzen.

Damit isoliert sich Erdogan gleich doppelt. Anders als die Türkei sehen die USA in der YPG einen wichtigen Verbündeten im Kampf gegen die IS-Terrormiliz. Zugleich ärgert das Eingreifen der Türken in Syrien auch Russland, das sich inzwischen als die entscheidende Ordnungsmacht in dem weitgehend zerbombten Land aufspielt. Jetzt rächt es sich für die gesamte Weltgemeinschaft, dass sie den Kurdenkonflikt nie ernsthaft anging sondern immer nur vor sich herschob — jahrzehntelang.

Ein Kommentar von Gerd Höhler

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