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Gegen die menschliche Hybris!

Ein Plädoyer für den Gottesbezug in der Verfassung. Gegen die menschliche Hybris!

Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen hat sich das Volk von Niedersachsen durch seinen Landtag diese Verfassung gegeben“ — so steht es in ...

Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen hat sich das Volk von Niedersachsen durch seinen Landtag diese Verfassung gegeben“ — so steht es in analoger Formulierung zur Präambel des Grundgesetzes seit 22 Jahren in der niedersächsischen Verfassung. Der Landtag hatte zuvor nach intensiver Diskussion entschieden, die Präambel ganz wegzulassen. Danach haben die Kirchen, Vertreter der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und muslimische Mitbürger eine Volksinitiative gestartet — so wie jetzt in Schleswig-Holstein. Die nötige Zahl an Unterschriften war bald übertroffen und nach einer erneuten Debatte beschloss der niedersächsische Landtag mit mehr als Zweidrittel seiner Stimmen, die Präambel mit Gottesbezug in die Verfassung aufzunehmen. Die Resonanz in den Medien und der Öffentlichkeit war seinerzeit hoch und überwiegend positiv. Einige Schulen haben das Thema im Unterricht aufgenommen.

 

LN-Bild

Von Ralf Meister

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Selbstverständlich bin ich froh, wenn Bürgerinnen und Bürger über alle Konfessionen und Religionen hinweg solch eine Initiative starten und sich zur Orientierungsfunktion ihres Glaubens bekennen.

Doch zugleich müssen wir die Gegenargumente aufmerksam hören. Im Kern sagen sie, dass eine Verfassung mit Gottesbezug diejenigen, die jede Religion grundsätzlich ablehnen, nicht mit einschließe.

Außerdem widerspreche sie der Vorstellung eines religiös und weltanschaulich neutralen Staates bzw. der im Grundgesetz garantierten Trennung zwischen Kirche und Staat.

Deshalb sei klar gesagt: Der Gottesbezug in der Verfassung ist keine Umarmungstaktik der Kirchen, sondern eine Vorsichtsmaßnahme gegen die menschliche Hybris! Das Grundgesetz hat seine Gültigkeit auch vollständig ohne den Gottesbezug. Gott wird in den Präambel-Formulierungen auch nicht in einem religiösen Akt angerufen, sondern lediglich genannt (nominatio dei) und soll einen Absolutheitsanspruch von Menschen, Institutionen oder Heilslehren verhindern. Die Verfassung verweist auf „Gott“ als die für den Menschen unverfügbare Instanz, vor der er Verantwortung tragen und Rechenschaft ablegen muss. Daraus ergibt sich eine Relativität der staatlichen Macht, was im Blick auf das Grundgesetz der historischen Situation nach dem Zweiten Weltkrieg und der NS-Zeit geschuldet ist. Der Gottesbegriff steht für überstaatliche Normen und Werte, die nicht außer Kraft gesetzt werden können. Deshalb empfinde ich die gelegentliche Bezeichnung des Gottesbezugs als „Demutsformel“

sehr passend. Er verordnet diese Demut übrigens auch und gerade allen Formen religiöser Ideologie und allen Arten des Missbrauchs von Religion. Es geht hier um den „fides quaerens intellectum“, um den Glauben, der die Vernunft befragt.

Die evangelischen Kirchen stehen unverbrüchlich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung unseres Landes, zur Trennung von Staat und Kirche, der Religionsfreiheit und der freien Religionsausübung.

Ich plädiere für den Gottesbezug in der Verfassung, weil er in seiner antiideologischen und freiheitlichen Kraft eine genau so wichtige wie vernünftige Funktion in der Gesellschaft hat.

Bericht Seite 6

Ralf Meister (54) ist Landesbischof der

Evangelisch-Lutherischen Landeskirche

Hannover. Meister war von 2001 bis 2008 Propst

des Kirchenkreises Lübeck.

LN

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