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Grüße aus Erdoganistan

Viele Türken hoffen, dass wir Deutschen sie nicht im Stich lassen. Grüße aus Erdoganistan

Wer in diesen Tagen wieder einmal Istanbul besucht, kann eine merkwürdige Entdeckung machen: Es gibt so gut wie keine europäischen Touristen im Viertel um die Hagia ...

Wer in diesen Tagen wieder einmal Istanbul besucht, kann eine merkwürdige Entdeckung machen: Es gibt so gut wie keine europäischen Touristen im Viertel um die Hagia Sophia, den Topkapi-Palast und die Blaue Moschee, auch entlang der Flaniermeile Istiklal Caddesi sieht man sie nicht. Klar – wegen der Anschläge in diesem Jahr. Doch erstaunlich ist: Die Deutschen, Franzosen, Italiener und Briten wurden abgelöst durch arabische Besucher. In der City beherrschen immer mehr Gruppen das Bild, die aus einem voranschreitenden Herrn bestehen, dem wie schwarze Gespenster mehrere Tschador-Frauen folgen, umschwirrt von bunten Kindern. Es sind Touristen aus Saudi Arabien, aus den Emiraten, auch begüterte Familien aus Syrien (sie treffen hier gelegentlich auf bettelnde Landsleute: Flüchtlinge).

 

LN-Bild

Von Michael Berger

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Die ehemals kosmopolitische Metropole, ein Moloch von 15 Millionen Einwohnern, kehrt Europa den Rücken und öffnet alle Türen für Besucher aus islamischen Ländern. Das trifft im Übrigen auf die gesamte Türkei zu. Auf viele Deutsche wirkt das Land inzwischen nicht nur wegen des islamistischen oder kurdischen Terrors abschreckend. Es ist vor allem der Furor des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und seiner Gefolgsleute von der Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP), der uns Mitteleuropäern signalisiert: Wir sind nicht mehr erwünscht in Erdoganistan.

Diejenigen Türken, die vom Tourismus leben, aber noch mehr diejenigen, die unter der AKP-Repression leiden – Intellektuelle wie der Schriftsteller Orhan Pamuk, Journalisten wie der „Cumhuriyet“-Chefredakteur Can Dündar, international tätige Forscher wie der Politikwissenschaftler Üstün Ergüder und viele Oppositionspolitiker – sind mehr als betrübt über die Abkopplung von Europa, seiner Kultur und seinen Verheißungen. Ihnen wird die Basis ihrer Identität als kritische Zeitgenossen genommen. Äußern sie sich politisch, werden sie angeklagt wegen „öffentlicher Herabsetzung des Türkentums“ oder Unterstützung des Terrorismus.

Der Literaturnobelpreisträger Pamuk wird als „Agent des Westens“ beschimpft, als lebe er im Stalinismus. Dündar sagt: „Jedes Wort, das ich schreibe, kann ein Grund sein, wieder inhaftiert zu werden.“

Ergüder sieht gar die Gefahr, dass sein Land im Faschismus endet. Alle diese Stimmen eint die Hoffung, dass die Europäer, insbesondere die Deutschen, ihr Land nicht aufgeben, sie nicht alleine lassen. Pamuk ruft gen Westen: „Die Türkei ist nicht nur Erdogan.“ Die Türken, die eine laizistische Wende herbeisehnen, darunter auch viele mit Deutschland-Erfahrung, wollen uns als Touristen, als Freunde, als kritische Begleiter – und auch als Befürworter weiterer Beitrittsverhandlungen zur EU. Keine Angst vor Erdogan. Wer einmal dort war, weiß es: Die Türken sind eines der gastfreundlichsten Völker der Welt.

LN

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