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Günter Grass bleibt Lübecker

Zum ersten Todestag: Der Literat ist präsent wie zu Lebzeiten. Günter Grass bleibt Lübecker

Wodurch gewinnt eine Stadt und eine Region ihre Identität? Durch die ansässige Wirtschaft, die Unternehmen?

Wodurch gewinnt eine Stadt und eine Region ihre Identität? Durch die ansässige Wirtschaft, die Unternehmen? Diese können sich als wenig heimatverbundene Kombattanten herausstellen, die schnell die Fronten oder gar das Bundesland wechseln. Grüße an die Schwartauer Werke. Auch die Existenz und Subventionierung eines Flughafens beflügelt nicht das Selbstbewusstsein der Bevölkerung. Grüße an Wizz Air. Sportmannschaften können identitätsstiftend wirken. Aber nur, wenn sie irgendwo oben mitspielen, nicht, wenn sie um den Verbleib in einer vierten Liga kämpfen. Grüße an den VfB Lübeck.

 

LN-Bild

Von Michael Berger

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Man könne noch andere Indikatoren ins Feld führen — Landschaft, Stadtbild, Geschichte. Davon haben Lübeck und sein Umland einiges zu bieten. Doch besonders gut ist das Gemeinwesen hier mit Kultur ausgestattet. Weniger mit solcher der leicht verderblichen Dieter-Bohlen-Klasse als mit Bildungsgütern von verlässlicher Präsenz. Die Lübecker Museen bieten eine fundierte Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Gegenwart und auch Zukunft, zurzeit insbesondere das Günter Grass-Haus. Auch wenn sich in der kommenden Woche der Todestag des Namensgebers zum ersten Mal jährt, ist das Haus in der Glockengießerstraße, das das Werk des Literaturnobelpreisträgers pflegt und erforscht, weiter höchst lebendig.

Die Zahl der Besucher hat sich um etwa ein Viertel auf 30000 im Jahr 2015 erhöht. Und es wird weiter bestürmt. Museen und andere Ausstellungshäuser zwischen Südkorea und Ecuador bedienen sich an den Materialien, die das mit knapper Personaldecke ausgestattete Grass-Haus bewahrt. Leser von allen Kontinenten wollen den Ort aufsuchen, an dem der Autor der „Blechtrommel“ zuletzt gearbeitet hat.

Der Name der Stadt Lübeck wird so in die Welt hinausgetragen. Doch der Gewinn an Reputation ist nur eine schöne Nebenwirkung. Von der Präsenz des Namens Günter Grass, von der lebendigen Auseinandersetzung mit seinem Werk profitieren vor allem die Menschen, die sich am Ort für Literatur und bildende Kunst interessieren, nicht nur, wenn das Grass-Haus spannende Figuren wie Cornelia Funke, John Irving, Markus Lüpertz oder auch Janosch anzieht. Man muss den Provokateur und Unruhestifter Grass deshalb nicht in den Himmel heben, man darf sich auch gerne an ihm reiben.

Lübeck wird nie ein prosperierender Industriestandort werden, kein Silicon Valley und schon gar kein Luftfahrtzentrum. Da können noch so viele Ressourcen in die Wirtschaftsförderung fließen. Doch was die Stadt (neben einem Zentrum des Tourismus) bereits ist und was sie ausstrahlt: Sie ist Kulturhauptstadt des Nordens, eine Schatzkammer für Kunst und Bildung. Darauf lässt sich eine starke Identität ihrer Bürger gründen. Grass hat dies stets als Auftrag der Kunst betrachtet.

LN

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