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INTERNATIONALE PRESSESTIMMEN

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Ein Preis für Nostalgie Kommentare aus europäischen Zeitungen zum Literatur-Nobelpreis für Bob Dylan: Lidove noviny (Prag, Tschechien): „Wenn man die Liste der ...

Ein Preis

für Nostalgie

Kommentare aus europäischen Zeitungen zum Literatur-Nobelpreis für Bob Dylan:

Lidove noviny (Prag, Tschechien): „Wenn man die Liste der bisherigen Preisträger durchgeht, besteht kein Zweifel, dass die Jury Werke der Literatur gewürdigt hat, genauer gesagt der schöngeistigen Literatur. Mit einer Ausnahme – im Jahr 1953 ging der Nobelpreis an Winston Churchill. Die Preisvergabe an Bob Dylan ist kein politischer Fall wie dieser. Es ist eine Würdigung der gesungenen Poesie, für das Wort im Dienst der Menschen. Es gibt Leute, die behaupten, dass Dylan der größte Dichter unserer Zeit sei. Nach dem gestrigen Verdikt dürfen die Vertreter dieser Meinung eine gewisse Genugtuung empfinden.“

El Mundo (Madrid, Spanien): „Dylan ist nicht der Erzähler, den wir als Gewinner des Preises  erwartet hatten, auch wenn er schon seit vielen Jahren als Kandidat gehandelt worden war. Sein Landsmann Philipp Roth oder der ewige Kandidat Haruki Murakami aus Japan waren dieses Jahr zwei der Topfavoriten. Es sind zwei Autoren mit einer großen Leserschaft und einem  ebenso enormen wie wertvollen Werk, die beide problemlos das Ziel erfüllt hätten, die Literatur dem großen Publikum näher zu bringen. Es wäre übertrieben, zu behaupten, dass der diesjährige Literatur-Nobelpreis eine Herabwürdigung der Institution bedeutet, wie die schärfsten Kritiker meinen. Aber die Entscheidung der Akademie  erscheint uns in der Tat nicht als die treffendste.“

Repubblica (Rom, Italien): „In diesen traurigen Tagen, in denen die amerikanische Politik der Welt ihr hässlichstes Gesicht zeigt, holt der Nobelpreis das beste Gesicht des Landes aus dem Halbdunkel hervor: Das von Bob Dylan, dem großen Poeten der Musik. Er verkörpert das Amerika, das wir so geliebt haben. (...) Es ist ein Preis für die Nostalgie. Es ist ein Zeichen, das die Schwedische Akademie in den Zeiten, in denen eine poesielose Person wie Donald Trump an die Macht kommen könnte, setzen will: Ein Zeichen für die kulturelle Großmütigkeit Amerikas, die heute von Angst, Groll und giftigem Populismus bedroht wird.“

Politiken (Kopenhagen, Dänemark): „Kein zeitgenössischer Künstler hat entscheidender zur inneren Tonspur der Gesellschaft beigetragen. (...) Zum ersten Mal nimmt ein Songschreiber den edelsten Literaturpreis der Welt entgegen. Die (Jury-)Sprecherin sagte, sie hoffe nicht, dass die Akademie für ihre Wahl kritisiert werde. Das wird sicher der Fall sein – so ist es in der Regel.

Dabei wurde die Begründung für Bob Dylan als Preisträger logisch an die Geburtsstunde der Literatur gekoppelt, an Homer und Sappho: Es war immer so gedacht, dass Literatur vorgelesen werden, dass ihr zugehört und dass sie immer wieder erlebt werden soll, hieß es. Die Akademie hat weder etwas zu entschuldigen noch zu erklären. Bob Dylans einzigartiges poetisches Textuniversum spricht für sich selbst. Das ist große Literatur.“

Times (London, Großbritannien): „Nur wenige Poeten hätten jemals rings um die Welt Konzerthallen füllen können – und zwar beständig über ein halbes Jahrhundert hinweg. Kaum ein Poet hätte 100 Millionen Platten verkaufen und Millionen von Dollars verdienen können. Und nur wenige Poeten könnten derart viele Songs schreiben, die so einfach mitzupfeifen sind. (...) Nach  den Worten der Schwedischen Akademie hat Dylan „neue poetische Ausdrucksformen“ geschaffen. Die Songs sind ein Bonus.“

LN

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