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In Ostdeutschland ist jetzt Aufklärung und Bildung gefragt

Leitartikel In Ostdeutschland ist jetzt Aufklärung und Bildung gefragt

In Teilen der Bevölkerung der neuen Bundesländer entsteht das Gefühl, es werde Politik für Globalisierungsgewinner gemacht - dadurch entstehen Abwehrreflexe, denen mit Bildung und Aufklärung begegnet werden muss. Ein Kommentar von Jan Emendörfer, Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung.

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Ein Leitartikel von Jan Emendörfer. Er ist Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung.

Der wohlmeinende Tourist aus der alten Bundesrepublik findet bei der Reise durch Ostdeutschland zumeist blühende Landschaften vor. Seit der deutschen Einheit sind Milliarden in die Infrastruktur geflossen: Neue Straßen, gepflasterte Bürgersteige, moderne Radwege, eine liebevoll sanierte Altbausubstanz. Jedoch, hinter den vielen frischen Fassaden gärt es, machen sich Frust, Wut und Hass breit. Dabei ist die Arbeitslosenquote mit durchschnittlich 9,2 Prozent im Osten so niedrig wie noch nie seit Beginn der Zählung 1990/91. Die Löhne sind gestiegen, die Renten auch, das Handwerk hat Aufträge ohne Ende.

Und trotzdem: Es gibt „Symbole eines sich verfestigenden Fremdenhasses“ in Ostdeutschland, befand die Bundesregierung bei der Vorlage ihres Berichts zur Deutschen Einheit. Das Papier zeichnet ein düsteres Bild der Entwicklung im Osten 26 Jahre danach, und das liegt nicht so sehr am äußeren Erscheinungsbild, sondern eher an der inneren Verfasstheit. Die wirtschaftliche Leistungskraft ist noch nicht so stark wie im Westen. Es gibt kaum Großunternehmen, die ihren Stammsitz im Osten haben und dort Steuern zahlen. Die Wirtschaft ist kleinteilig und wenig auf internationalen Absatzmärkten unterwegs. All das stimmt, aber darf das als Begründung herhalten für ein Sich-Zurückgesetzt-Fühlen, für Neid, für Ausländerhass?

Natürlich nicht, aber der linke Verleger Jacob Augstein macht es sich auch etwas einfach, wenn er am Sonntagabend bei „Anne Will“ der sächsischen CDU vorhält, sie habe bei der „Integration ihrer rechten Bevölkerungsgruppen kläglich versagt“. Abgesehen von der durchaus wortgewandten und amüsanten Umdrehung des Integrationsproblems – die Sache selbst ist im Sinne humanistischer Werte mit Neonazis durchaus schwieriger zu bewerkstelligen als mit Flüchtlingen.

Wenn man allein die Wählerschaft der AfD zugrunde legt, hat sich im Osten ein Prozentsatz von zehn bis 25 herausgebildet, der nicht nur ein „Problem mit Flüchtlingen“ hat, sondern in Wahrheit das Gesellschaftsmodell generell in Frage stellt. Die Forderungen der Pegida-Bewegung reichen von A bis Z und kratzen an der scheinbar unbesiegbaren Symbiose von Demokratie und Kapitalismus. Der Aufstieg nationalistischer und rechtsextremer Strömungen mag in Ostdeutschland besonders stark zu Tage treten, ist aber längst ein europäisches Problem.

Wenn durch Billigimporte und Firmenverlagerungen in Teilen der Bevölkerung das Gefühl entsteht, hier wird Politik für Globalisierungsgewinner gemacht, entstehen Abwehrreflexe, die bis zur inneren Bereitschaft gehen, die 1989/90 gewonnene Freiheit auf dem Altar vermeintlicher Sicherheit zu opfern. Da bleibt viel zu tun – in Sachen Bildung und Aufklärung, wenn die Integration rechter Bevölkerungsgruppen im Augsteinschen Sinne gelingen soll.

Ein Leitartikel von Jan Emendörfer. Er ist Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung.

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