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Kein Buch für den Giftschrank

Hitlers „Mein Kampf“ dürfte keine Gefahr an Schulen sein. Kein Buch für den Giftschrank

Mehr als 70 Jahre nach seinem Tod könnte ihm ein gespenstisches Comeback als Bestsellerautor zuteil werden: Erstmals seit 1944 ist jetzt eine Ausgabe von Hitlers ...

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Von Simon Benne

Mehr als 70 Jahre nach seinem Tod könnte ihm ein gespenstisches Comeback als Bestsellerautor zuteil werden: Erstmals seit 1944 ist jetzt eine Ausgabe von Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ erschienen — und prompt gibt es 15 000 Vorbestellungen für die kommentierte Ausgabe. Nicht allen ist wohl dabei; der Jüdische Weltkongress etwa erklärt, man hätte das Buch besser im „Giftschrank der Geschichte“

belassen. Doch das wäre wohl weder möglich noch klug.

So ein „Giftschrank“ lässt sich in einer modernen Mediengesellschaft nämlich gar nicht mehr abschließen; im Internet ist der Text längst unkommentiert jedem zugänglich, und antiquarisch war er ohnehin immer zu haben. Die bayerische Landesregierung hatte dennoch bis zum Auslaufen der Urheberrechte den Nachdruck verhindert. Doch Verbote befördern meist nur die Mythenbildung. Und die Zeit ist reif für eine Neuausgabe: Sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs braucht es da keine staatliche Bevormundung mehr. Der deutschen Demokratie darf man heute ruhig so viel Kritikfähigkeit zutrauen, dass sie eine Hetzschrift auch als solche erkennt.

Auch in den Schulen dürfte Adolf Hitler jetzt häufiger im Original gelesen werden. Wenn Pädagogen den Text dabei angemessen einordnen, liegt darin wohl kaum eine Gefahr. Überdies: wer je versucht hat, „Mein Kampf“ zu lesen, weiß, das Buch ist so verquast geschrieben, dass man es gern wieder weglegt. Es vermittelt außerdem kaum Erkenntnisse über den Alltag im NS-Staat. Und Geschichtslehrer stehen immer stärker vor der Frage, wie sie jenseits der bloßen Faktenvermittlung auch Empathie bei einer Generation von Schülern wecken können, für die Hitler so weit weg ist wie Karl der Große.

Wo immer heute Zeitzeugen in Schulen auftreten, um vom Überleben im Konzentrationslager oder von Bombennächten zu erzählen, ist ihnen schier grenzenlose Aufmerksamkeit der Schüler sicher. Doch die Ära der Zeitzeugen geht unweigerlich zu Ende.

Was also tun mit Hitler in der Schule? Ein Weg, NS-Geschichte erlebbar zu machen, liegt darin, sie stärker als bislang aus lokaler Perspektive zu vermitteln: Es bewegt Schüler, wenn sie hören, wo in ihrer eigenen Nachbarschaft einst Juden lebten. Es schafft eine gewisse Unmittelbarkeit, wenn sie erhaltene Bunker in ihrem Viertel besichtigen, wenn sie bei der Verlegung so genannter Stolpersteine individuelle Schicksale von Opfern kennen lernen oder Gedenkveranstaltungen selbst mitgestalten können.

Im wachsenden Zeit-Abstand zur NS-Zeit liegt auch eine Chance für die Schüler: Die Urenkel können vergleichsweise unbefangen nach Hitler fragen, ohne zugleich die Verstrickungen der eigenen Mütter und Väter zu meinen. Und vermutlich wird jede Generation ihren eigenen Blick auf Hitler haben. Bericht Seite XX

LN

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