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Mit kühlem Herzen

In Großbritannien steht die Zukunft Europas auf dem Spiel. Mit kühlem Herzen

Ein Gespenst geht um, und es heißt Europa. Es geistert durch Ungarn und Polen, durch Slowenien und Frankreich, und es geistert vor allem auch durch Großbritannien.

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Von Peter Intelmann

Ein Gespenst geht um, und es heißt Europa. Es geistert durch Ungarn und Polen, durch Slowenien und Frankreich, und es geistert vor allem auch durch Großbritannien. Es rieche alt auf faulig, sagt man dort, es werde Verderben bringen. Dieses Europa führe in die Unregierbarkeit. Und deshalb müssten die Zugbrücken eingeholt und die Reihen fest geschlossen werden. Es sei höchste Zeit.

In Frankreich wird 2017 ein neuer Präsident gewählt, und mit Marine Le Pen steht dort jemand vor den Toren, deren Frankreich ein entschieden anderes wäre. Ein Zurück zum Franc unter ihrer Führung hat sie bereits angekündigt, ein Referendum über einen EU-Austritt mindestens in Aussicht gestellt. In Großbritannien wird Premier David Cameron spätestens in jenem Jahr über die Mitgliedschaft in der Europäischen Union abstimmen lassen. Und sollte es ein Nein geben, wird er keine Wahl haben und sein Land aus der Gemeinschaft führen.

Noch sind eine Wahl Le Pens und ein Brexit Spekulation, es gibt keine verlässlichen Prognosen. Aber sollte es so kommen, wäre die Situation da, um mit Konrad Adenauer zu sprechen. Und es fällt schwer zu glauben, dass man sich in Paris und London wirklich über deren Tragweite im Klaren ist.

Diese Gemeinschaft ist ein kaum für möglich gehaltenes Werk der Vergebung und der Vernunft. Seine Wurzeln reichen in die Schlachtfelder eines Krieges mit der unfassbaren Zahl von etwa 60 Millionen Toten. Und doch dauerte es nur sechs Jahre nach dem Ende der Vernichtung bis zur Gründung der Montanunion als der Keimzelle der späteren EU. Aus Feinden, aus Todfeinden gar wurden wenn auch nicht sofort Freunde, so doch Partner. Sie kontrollierten gemeinsam Kohle und Stahl und damit jene Rohstoffe, die benötigt werden zur Führung eines neuen Krieges.

Der frühere Brüsselkorrespondent Jochen Bittner spricht denn auch von der EU als einem „Imperium des kühlen Herzens“. Einem Imperium zumal, dessen Wirtschaftsraum größer ist als der Chinas und der USA, das eine nie gekannte Phase des Friedens auf dem Kontinent eingeleitet hat, das die Hoffnung von Millionen Flüchtlingen ist und dem inzwischen 28 Staaten angehören. Darunter Polen, jenes Polen, dessen Bevölkerung Nazi-Deutschland vertreiben, versklaven und vernichten wollte, um Platz zu schaffen für den arischen Herrenmenschen. Heute sind beide Länder Partner und könnten Vorbild sein für Katastrophengebiete wie den Nahen Osten, wo etwa in Israel und Palästina noch jeder Mächtige seine Unfähigkeit oder seinen Unwillen zur Versöhnung bewiesen hat.

Das alles steht auf dem Spiel, wenn in London und anderswo der alte Nationalismus Auferstehung feiert. Sicher, Europa ist nicht alles, schon gar nicht in seiner jetzigen Verfassung. Aber ohne Europa ist alles nichts. Bericht Seite 5

LN

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