Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 16 ° Regenschauer

Navigation:
Müller im falschen Modus

Warum dem VW-Chef der Besuch in den USA gründlich missriet. Müller im falschen Modus

Dass Amerika irgendwie anders ist, weiß man bei VW schon länger — seit die Kundschaft dort den Wolfsburgern ihre Autos nicht mehr abkauft.

Voriger Artikel
Tappen im Dunklen
Nächster Artikel
Neues Denken nötig

Von Stefan Winter

Dass Amerika irgendwie anders ist, weiß man bei VW schon länger — seit die Kundschaft dort den Wolfsburgern ihre Autos nicht mehr abkauft. Sehr tief scheint die Erkenntnis aber nicht gedrungen zu sein, denn Konzernchef Matthias Müller lernt weiter: Die Reue über die Dieselaffäre kaufen ihm die Amerikaner nicht ab. Mit ein paar phänomenal verunglückten Sätzen vor der Detroit Motor Show hat er Zweifel an jedem weiteren Wort gesät. Nein, VW habe nicht gelogen, man rede bei der Manipulation der Abgaswerte von einem technischen und keinem ethischen Problem, von der „nicht richtigen Interpretation amerikanischen Rechts“ sprach er. Bei VW wolle man die Tragweite der Fehler wohl nicht wahrhaben, befand das Magazin „Fortune“.

Am Dienstag wird Müller seinen Ausrutscher dem Präsidium des VW-Aufsichtsrats erklären müssen. Er kann auf Stress und Übermüdung verweisen, auf mittelmäßige Englischkenntnisse und eine bedrängte Interviewsituation, die seine Berater in dieser heiklen Lage nie hätten zulassen dürfen. Das alles sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Fortune“ nicht ganz falsch liegt: Es gibt im VW-Innenleben mehrere Wahrheiten zum Dieselskandal. Für die USA geht man in Sack und Asche, für Europa demonstriert man pragmatisches Krisenmanagement, und in der Kantine verflucht man ein paar Kollegen — mehr waren es ja offiziell nicht —, die vor Jahren mit einem blöden kleinen Fehler die Leistung aller anderen kaputt gemacht haben. Müller war wohl gerade im falschen Modus unterwegs.

Das ist kein Wunder, denn natürlich steckt auch in der Kantinensicht Wahrheit. Aber sie ignoriert den Zwang zu einem Neuanfang nicht nur im Handeln, sondern auch im Denken des Konzerns. Und speziell das US-Publikum möchte neues Denken demonstriert bekommen. Es erwartet Reue in der großen, dick aufgetragenen Form. Dass einem deutschen Informatiker wie Müller das irrational und unangemessen scheint, ist sogar sympathisch — hilft aber nichts: Wenn Milliardenwerte davon abhängen, wird das Spiel mit Emotionen sehr rational. Autoverkäufer sollten das wissen.

So aber ist der VW-Chef mit Übergepäck heimgeflogen. Nicht nur das Interview ist eine Last. Kurz vor dem Besuch verklagte die US-Regierung den Konzern, am Ende verweigerte die Umweltaufsicht eine Genehmigung der Rückrufpläne. Für die offensichtlichen Hakeleien mit den Behörden hat VW zum Teil gute sachliche Gründe. Umso dringender hätte man sie atmosphärisch entspannen müssen. Aber an Karriere im diplomatischen Dienst hat Müller nie gedacht. Er kam in unruhiger Zeit als der Mann für die VW-Seele an die Spitze, als rennsportbegeisterter Produktstratege. Aber: Der Skandal ist für Publikum, Behörden, Politiker und Mitarbeiter nun mal Chefsache.

LN

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Berlin
Heiko Maas (SPD) will das Thema in den Bundestag bringen.

Besonders Daimler-Benz fällt bei Test negativ auf — VW schneidet besser ab — Minister kündigt Konsequenzen an.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Kommentar
Sonntagsreden

Von Börse bis Fußballplatz - Blogs unserer "Edelfedern".

Kommentar

Bissig, polemisch, kontrovers: Kommentare aus den LN.

Machen Ihnen Terror-Anschläge, wie der jüngste in Barcelona, Reiseangst?

Reporter vor Ort

In einer fortlaufenden Galerie zeigen wir Ihnen jeden Tag die wichtigsten Bilder aus Lübeck und den umliegenden Kreisen. An dieser Stelle finden Sie die Galerie für den Juli 2017.