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Unser Istanbul

Das Mitgefühl mit den Opfern wiegt schwerer als die Politik. Unser Istanbul

Wussten Sie, dass die Terrormiliz Boko Haram in Nigeria, Kamerun, Tschad und Niger in sieben Jahren 15000 Menschen ermordet hat, zuletzt 15 am vergangenen Mittwoch ...

Wussten Sie, dass die Terrormiliz Boko Haram in Nigeria, Kamerun, Tschad und Niger in sieben Jahren 15000 Menschen ermordet hat, zuletzt 15 am vergangenen Mittwoch mit zwei Selbstmordanschlägen im Norden Kameruns? Dass Al-Schabab-Terroristen in Kenia am Freitag sechs Buspassagiere erschossen haben? Ich wusste es bis eben nicht. Je größer die (räumliche oder empfundene) Entfernung, desto geringer unsere Anteilnahme. Man kann das mit Recht beklagen, aber so liegt es in der menschlichen Natur.

 

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Von Hanno Kabel

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Andersherum aber gilt: Wenn wir Anteil nehmen, zeigen wir ganz unverstellt ein Gefühl der Nähe. Orlando ist uns nah, Paris ist uns nah, Brüssel ist uns nah – und Istanbul. Der Anschlag, der in dieser Woche 45 Menschen das Leben gekostet hat, hat die Deutschen erschüttert; Böhmermann hin, Armenien-Resolution her.

„Jeder Türke hat einen Verwandten in Istanbul“, sagte nach dem Anschlag ein türkischstämmiger Mann im Lübecker Lokalteil der LN. Das ist kaum übertrieben, und es bedeutet: Jeder, der einen türkischen Einwanderer kennt, kennt um nur eine Ecke jemanden in Istanbul. An die drei Millionen Menschen in unserem Land sind türkische Einwanderer oder deren Nachfahren. Sie gehören zu uns, und zu dem, was sie uns gebracht haben, zählt die enge Verbundenheit mit ihrem Herkunftsland. Nicht mit dem autokratischen Präsidenten und dem bestenfalls halbdemokratischen System, sondern mit den Menschen, die dort leben.

Dazu kommt: Die Türkei ist seit Langem eines der beliebtesten Reiseländer der Deutschen, bei weitem nicht nur der türkischstämmigen. Wer selbst schon einmal in Istanbul war, der muss erschüttert sein von dem, was dort passiert ist. Wenn die Türkei unsere Brücke in die muslimische Welt ist – dann ist Istanbul, diese riesige, wunderbare, chaotische Stadt, unsere goldene Brücke in die Türkei.

In der Düsternis der terroristischen Bedrohung sei ein optimistischer Gedanke erlaubt: Die Vernetzung der modernen Welt mit ihrer Migration, ihren Flughäfen und dem Internet macht den Terroristen zwar vieles leichter. Sie macht aber auch die Anteilnahme leichter. Nach einem Anschlag wie dem von Istanbul zeigt sich: Das Gefühl der Nähe kann vermeintliche kulturelle und wirkliche politische Gräben überwinden. Eine Lehre daraus sollte sein: Mehr Grenzen und Schranken, die Menschen voneinander fernhalten, dürfen nicht die einzige Antwort auf den Terrorismus sein. Mehr Austausch, mehr Kontakt, mehr Globalisierung könnten sich auf Dauer als das wirksamste Gegengift erweisen.

Das mag eine verrückte Hoffnung sein. Aber sie ist ganz bestimmt nicht so verrückt wie der Fanatismus der Terroristen, die glauben, sie könnten mit Gewalt und Tod die Menschlichkeit besiegen.

Bericht Seite 5

LN

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