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Weihnacht mit Wehmut

Bilanz 2015: Die Welt hat Schrammen abbekommen. Weihnacht mit Wehmut

Es will nicht so recht Weihnachten werden in diesem Jahr mit den Endziffern 15, und wer versucht, dies allein aufs Wetter zu schieben, der macht es sich zu leicht.

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Von Uwe Nesemann

Es will nicht so recht Weihnachten werden in diesem Jahr mit den Endziffern 15, und wer versucht, dies allein aufs Wetter zu schieben, der macht es sich zu leicht. Während die letzten Weihnachtsbäume zu Schnäppchenpreisen weggehen, ziehen elf Tage vor der Silvesternacht viele schon einmal Bilanz. Und die drückt aufs Gemüt: 2015, das könnte später einmal das Jahr genannt werden, in dem die Welt begann, aus den Fugen zu geraten. Wer da sorglos bleibt, der hat ein dickes Fell.

Dass das Lametta auf unseren Christbäumen künftig nur noch aus China kommt, ist bei all dem eine der harmloseren Nachrichten, aber sie hat eine gewisse Symbolkraft. Die Welt, die wir kannten, verändert sich; sie dreht sich anscheinend immer schneller, und nicht jeder kommt bei dem Tempo mit. Was gestern noch richtig war, wird heute in Zweifel gezogen und könnte morgen schon falsch sein.

Unsere Zeit ist nicht arm an Wahrheiten, die miteinander ringen.

Am deutlichsten wird dies an jener Konstruktion, die sich Europa nennt. Es ist noch gar nicht lange her, da hieß es, dies sei mehr als ein Kontinent, es sei eine Idee, eine Vision und eine Wertegemeinschaft von Gutmenschen. Einigen war das sogar einen Nobelpreis wert, die EU galt als Garant für Frieden und Freiheit. Und heute?

Es bröckelt. Vor allem an den rechten Rändern etlicher Länder, die die Solidarität gerne auf dem Flämmchen nationalen Starrsinns bruzzeln. Ungarn und Polen machen es vor, in Frankreich greifen die rechten Parolenschwinger nach der Macht, und auch andernorts verlieren bürgerliche Parteien ihre Wähler und christliche Werte an Gewicht. Die Rattenfänger machen fette Beute. Nicht nur in Europa übrigens: Wer sich ansieht, was ein Donald Trump unter Wahlkampf versteht, dem muss bange werden. „Fröhliche Weihnachten“ kommt da schwer über die Lippen, eher schon „stille Nacht“.

Die Gründe werden gerne weit weg verortet. In Syrien oder beim Terror des IS, der jetzt auch auf europäischem Boden wahllos mordet. Aber auch bei den Flüchtlingsströmen und der Angst, den eigenen bescheidenen Wohlstand nicht verteidigen zu können. Je schwieriger die Lage ist, desto mehr suchen die Menschen nach einfachen Antworten. Und wenn man schon jemandem weh tun muss, dann bitte den anderen.

Könnte gut sein, dass in den Geschichtsbüchern unsere Epoche später einmal emotionslos als die der großen Völkerwanderung Eingang findet. Man wird uns dann danach beurteilen, wie wir damit umgegangen sind, und im Augenblick herrscht wenig Zuversicht, dass Europa dabei besonders gut abschneidet.

Aber bis dahin dauert es ja noch ein wenig. Zünden wir also heute die vierte Kerze an und schauen uns um. Nichts ist mehr, wie es war? Macht nichts — das kann auch eine gute Nachricht sein. Kommt halt drauf an, was man daraus macht. Jahresrückblick im Magazin „sonntag“

LN

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