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Wenn die Angst uns spaltet, haben die Fanatiker gesiegt

Kommentar zur Anti-Terror-Razzia Wenn die Angst uns spaltet, haben die Fanatiker gesiegt

Der Terror ist bedrohlich nahe gekommen, kommentiert unser Chefredakteur Gerald Goetsch die Anti-Terror-Einsätze in Reinfeld, Großhansdorf und Ahrensburg. Aber eins sei klar: Wer jetzt Flüchtlinge unter Generalverdacht stellt, spielt den Fanatikern in die Hände.

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Ein Kommentar von LN-Chefredakteur Gerald Goetsch.

Halten wir uns zunächst an der guten Nachricht fest: Es ist noch nichts passiert in Reinfeld, Großhansdorf und Ahrensburg. Die Polizei hat offenbar rechtzeitig reagiert. Und gestern drei junge Männer festgenommen, die unter Verdacht stehen, Mitglieder der Terrormiliz „Islamischer Staat“ zu sein. Sollten sich die Hinweise bestätigen, haben wir allen Grund, uns bei den Ermittlern von Polizei und Geheimdienst zu bedanken.

Und doch fährt uns der Schrecken gehörig in die Glieder, rückt die Furcht vor dem menschenverachtenden Terror bedrohlich nah in unsere scheinbar heile Welt. Paris, Nizza, Brüssel – das alles schien weit weg. Nun stürmen Spezialeinheiten mitten in beschaulichen Wohngebieten die Unterkünfte mutmaßlicher IS-Kämpfer. Die Anwohner können es kaum fassen. Unter ihnen viele, die sich für Flüchtlinge engagieren. Verstört reagieren auch die Mitbewohner des festgenommen Syrers. Sie werden ahnen, dass ihr Leben jetzt nicht leichter wird. Es ist das Kalkül des Terrors: Misstrauen und Angst zwischen die Menschen zu bringen.

Wer jetzt Flüchtlinge unter Generalverdacht stellt, spielt den Fanatikern in die Hände. Darauf hat gestern auch der Bundesinnenminister hingewiesen. Thomas de Maizière hinterließ einen starken Eindruck, als er in Berlin vor die Presse trat. Wenn es der Polizei tatsächlich gelungen ist, eine Schläferzelle unschädlich zu machen, haben die Ermittler vielen Menschen das Leben gerettet. Der Innenminister, der nach seinem Auftritt bei der Länderspiel-Absage in Hannover noch Hohn und Spott einstecken musste, darf dann zu recht stolz sein auf die Leistung der Sicherheitsbehörden.

Entscheidenden Anteil am Fahndungserfolg hatte offenbar die Überwachung der Telefone der festgenommenen Syrer. Ohne diese Möglichkeit wäre es den Ermittlern nicht gelungen, den Verdächtigen immer einen Schritt voraus zu sein. Dieser Eingriff in die persönliche Freiheit gehört zu den Opfern, die uns der Terror schon jetzt abverlangt.

Unbestritten ist auch, dass die Polizei durch solche Einsätze an ihre Belastungsgrenzen stößt. Die Observation der Verdächtigen bindet enorme Kräfte. Der Stormarner Fall ist nur eines von aktuell 60 Ermittlungsverfahren. Die Politik ist in der Pflicht, ihre Behörden ausreichend auszustatten. Ermittler müssen in der Lage sein, jedem Hinweis nachzugehen.

Die überhitzte Debatte über die Flüchtlingspolitik bekommt neue Nahrung. Die Nacht von Reinfeld spielt jenen in die Karten, die einfache Lösungen versprechen. Die mit Angst auf Stimmenfang gehen. Es ist die Aufgabe aller Demokraten, gerade jetzt der Vernunft eine Stimme zu geben. Wachsam zu bleiben und nicht blauäugig zu sein. Die Gefahren zu sehen und besonnen zu reagieren. Die Freiheit zu verteidigen und nicht der Angst zu opfern.

Ein Kommentar von LN-Chefredakteur Gerald Goetsch

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