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Norddeutschland Vor 100 Jahren meuterten die Matrosen
Nachrichten Norddeutschland Vor 100 Jahren meuterten die Matrosen
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20:00 03.11.2018
Der Kieler Matrosenaufstand 1918 war der Auftakt für die Novemberrevolution in Deutschland. Quelle: dpa
Kiel/Berlin

Dem Kieler Stadtmarketing gelingt ein gewagter Brückenschlag in die Geschichte. Unter dem Motto „Wikinger, Wichtel und meuternde Matrosen“ wird das 100. Jubiläum des Matrosen- und Arbeiteraufstands vom November 1918 gleichsam eingehegt in die Events in der Advents- und Weihnachtzeit an der Förde.

Tausende Matrosen der kaiserlich-deutschen Marine verweigerten seinerzeit den Plänen der Seekriegsleitung die Gefolgschaft, die die Kriegsflotte zu einem letzten Gefecht gegen die britische Marine – und damit in den sicheren Tod, in einen „ehrenvollen Untergang“ – schicken wollte. Historiker und Politiker diskutierten jetzt in der schleswig-holsteinischen Landesvertretung über jene Novembertage 1918 und ihre Konsequenzen für die heutige deutsche Armee. Immerhin ging von dem Aufstand in Kiel der Impuls für die Novemberrevolution in ganz Deutschland aus.

Forderung nach allgemeinem Wahlrecht

Dass Forderungen des einstigen Arbeiter- und Soldatenrates – etwa das allgemeine Wahlrecht auch für Frauen oder das Ende der Monarchie – wurden später von der neuen Reichsregierung in Berlin beziehungsweise in der Weimarer Verfassung umgesetzt. In gewisser Weise ebnete Kiel den Weg in die erste demokratische deutsche „Weimarer“ Republik. Der Flensburger Historiker Uwe Danker meint allerdings, auch wenn der „Funke aus Kiel“ ausgeblieben wäre, wäre die Revolution anderswo im Reich ausgebrochen.

Die Darsteller der Kunstaktion „Die Feuer sind aus“ stellen den Matrosen- und Arbeiteraufstand zum 100-jährigen Jubiläum nach. Quelle: Heimken/dpa

Allerdings prägte Kiel mit den spontan entstandenen Arbeiter- und Soldatenräten die Strukturen, die bald in vielen anderen Regionen des Landes entstanden. Die Bewegung sei getragen worden „von vielen kleinen, mutigen Leuten“, sagt Danker. Es war offenbar kein Zufall, dass der Sturm gegen die alte Kaisermacht, gegen den sinnlosen Krieg, gegen Hunger und Elend in Kiel losbrach. Bereits in den Januarstreiks 1918 machten Tausende Arbeiter aus Rüstungsbetrieben und Werften ihrem Unmut Luft. Auch in der kaiserlichen Flotte hatte es zuvor schon Aufruhr und Befehlsverweigerungen gegeben.

Matrosen erlebten die Lage der Zivilbevölkerung mit

Mehr als etwa die Truppen des Heeres an der Westfront erlebten die Matrosen die schlimme Lage der Zivilbevölkerung bei ihren Landgängen und Urlauben mit. Hinzu kam, dass die einfachen Matrosen nur schlecht versorgt und gering besoldet wurden. Vor allem auf den großen Seeschiffen drangsalierten Offiziere die Besatzungen. Das Fass zum Überlaufen brachten schließlich die Pläne der Marineführung, die Kriegsflotte gegen England zu schicken. Entgegen dem Willen der neuen Reichsregierung in Berlin übrigens, die auf Friedensverhandlungen setzte.

Das III. Geschwader der Kriegsflotte galt als besonderer „Unruheherd“. Deshalb wurde die Schiffe Ende Oktober aus der Nordsee in den Heimathafen Kiel zurück beordert. Noch während der Fahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal wurden zahlreiche Matrosen und Heizer auf den Schiffen verhaftet und später in Kiel arretiert. Aktionen zur Befreiung der Kameraden sowie Kontakte zu Kieler Arbeitern bildeten den Auftakt zu Demonstrationen, die anfangs noch niedergeschlagen wurden, schließlich jedoch zum Aufstand am 3. November und zur spontanen Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten führten. In Kiel wehten rote Fahnen.

Streit um die Bewertung der damaligen Ereignisse

Bis heute hält der Streit um die Bewertung jener Ereignisse vor 100 Jahren an. Für die einen handelte es sich schlicht um Meuterei, um Befehlsverweigerung, was Deutschlands Niederlage beschleunigt habe. Andere bewerten den Aufstand dagegen positiv. Der heutige Wehrbeauftragte des Bundestages, der Kieler SPD-Politiker Hans-Peter Bartels, nennt es „gut“, dass viele Matrosen damals die Befehle zur „Selbstvernichtung der Flotte“ verweigert und demokratische Forderungen aufgestellt hätten. „Kiel war keine Revolution, die Matrosen waren keine Revolutionäre, aber es wurde viel erreicht“, meint er.

Verteidigungs-Staatssekretär Peter Tauber (CDU) tut sich dagegen schwer, die Ereignisse als traditionsbildend für die Bundeswehr einzuordnen. Für Soldaten gelte nicht nur das Prinzip von Befehl und Gehorsam, sondern auch, dass unrechtmäßige Befehle nicht ausgeführt werden, sagt der Militärhistoriker Jörn Hillmann. Durch das Prinzip der inneren Führung, das Führen durch Vorbild, werde gesichert, dass die Bundeswehr eine Armee in der Demokratie und von Demokraten sei, betont Bartels.

Festakt zum Jubiläum

Mit einem Festakt an historischer Stätte hat die Stadt Kiel am Sonnabend des Matrosenaufstands vor 100 Jahren gedacht. „Die Kieler Matrosen beschritten den Weg in eine freiheitliche, demokratische und entmilitarisierte Gesellschaft – auch wenn der Einsatz nicht in Gänze erfolgreich war“, sagte Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD). Er sprach von einem Ereignis von nationalgeschichtlicher Bedeutung. „Ihr Aufstehen für Frieden und Freiheit dürfen wir nie vergessen.“

Die Veranstaltung fand im Kieler Gewerkschaftshaus statt, dem heutigen Legienhof. Dort trafen sich Anfang November 1918 revolutionäre Matrosen und Arbeiter, die von Krieg und kaiserlicher Obrigkeit genug hatten. Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) sagte, „auch heute braucht es wieder Mut, für die richtige Sache einzustehen. Daran soll uns 1918 erinnern.“ Diese Botschaft müsse an die junge Generation weitergereicht werden. „Für mich als Bildungsministerin bedeutet das auch die verstärkte Vermittlung von demokratischen Werten in der Schule. Wir müssen Demokratie stärker erklären und für Demokratie werben.“

Der Künstler Jakob Müller-Meernach stellte mit einer Gruppe von Schauspielern den Matrosen- und Arbeiteraufstand nach. Die historisch verkleideten Darsteller waren am Samstag in der Kieler Innenstadt unterwegs. Noch bis zum 17. März dauert im Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum die Ausstellung „1918. Die Stunde der Matrosen“ an.

Reinhard Zweigler

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