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Norddeutschland 12.12 Uhr: In der Stadt gehen alle Lichter aus
Nachrichten Norddeutschland 12.12 Uhr: In der Stadt gehen alle Lichter aus
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14:28 01.06.2018
Bahn-Mitarbeiter Stefan Hensel (52) weiß sich zu helfen: Mit Stift und Papier informiert er die Fahrgäste über Gleisänderungen und Abfahrtszeiten.
Lübeck

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Was passiert, wenn der Strom ausfällt? In Lübeck und andernorts konnte man das gestern erleben. Fast vier Stunden ging nichts mehr. Vereinzelt kam es zu Unfällen, Läden und Restaurant-Küchen waren geschlossen. Manche trieb die Situation fast zur Verzweiflung – nicht wenige aber konnten ihr auch positive Seiten abgewinnen.

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 LN-Online.de/Luebeck

12.12 Uhr: Durch einen technischen Schaden im Umspannwerk Lübeck fällt der Strom aus. Ampeln leuchten nicht mehr, Telefone funktionieren nicht. Die Zapfsäulen der Tankstellen versagen den Dienst. „Alles ist tot“, sagt Maren Speltmann (40) von der Hoyer-Tankstelle in der Ziegelstraße. Eine Kundin will Zigaretten kaufen. „Haben Sie es bar?“, fragt Speltmann. „Wir müssen jetzt Kopfrechnen machen.“ Die Kasse ist ausgefallen.

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12.30 Uhr: Im Citti-Markt läuft nur die Notbeleuchtung, die meisten Geschäfte sind geschlossen. „Aus Sicherheitsgründen darf niemand den Laden betreten“, erklärt Nele Schröder (20) von Esprit. „Es ist zu dunkel.“ Die Theke der Eisdiele ist leer. „Wir haben einen Tiefkühler, der auch ohne Strom einige Stunden die Temperatur hält“, sagt Eisverkäufer Norman Doderer (33). „Hoffentlich reicht das.“

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12.45 Uhr: Oliver Zander (44) von der Autowerkstatt BZ-Automobile steht vor seiner dunklen Werkstatt. „Nichts geht mehr, kein Licht, keine Hebebühne. Da sieht man mal, wie abhängig man ist.“

Um die Ecke, an der Kreuzung Ziegelstraße/Buntekuhweg hat es gekracht, in der Mitte steht ein zerbeulter Kleinwagen. Feuerwehr und Polizei sind da.

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13.00 Uhr: In der Beckergrube sitzt Wassi Yessoufou (48) auf dem Bürgersteig und repariert ein Fahrrad. „Drinnen geht es nicht, es ist zu dunkel.“ Adnan Iünes (59) vom Handyladen macht Feierabend. „Wir können nicht arbeiten.“ Beim Herrenausstatter Frick ruht das Geschäft. „Was ist, wenn man plötzlich den Rettungswagen rufen muss?“, sorgt sich Angelika Popp (59). „Das Telefon geht ja nicht.“ Eine Polizeistreife spricht mit Passanten. „Es geht darum, präsent zu sein, die Bürger zu beruhigen“, erklärt einer der Beamten.

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13.20 Uhr: „Ich finde es schrecklich, dass die Polizei oder jemand von den Stadtwerken nicht durch die Stadt fährt und mit Lautsprechern aufklärt, was hier vor sich geht“, klagt Waltraut Lorenz-d’Ottilie.

Fotograf Stefan Schenk (53) dagegen, der am Koberg arbeitet, ist gut gelaunt. „Die Nachbarn treffen sich auf der Straße und reden. Plötzlich ist Zeit. Sogar die Anwälte von nebenan sitzen an der Straße und trinken Kaffee.“

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13.49 Uhr: Der Inhaber der Kohlmarkt Apotheke, Christoph Rieck, steht vor seinem Geschäft. „Momentan läuft natürlich das Notstromaggregat – aber wer weiß, wie lange das noch hält. Wenn die Kühlschränke ausfallen, müssen im Endeffekt auch einige Medikamente entsorgt werden.“

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14.00 Uhr: Sämtliche Mitarbeiter aus dem Karstadt-Haus haben sich zwischen Rathaus-Arkaden und St. Marien versammelt. „Die Räumung des Hauses verlief vollkommen ruhig“, sagt Andreas Rehder. Alle Mitarbeiter seien mit Getränken versorgt. Auch die Buchhandlung Hugendubel ist zu, ein Schild hängt an der Eingangstür: „Geschlossen wegen Stromausfall“.

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14.12 Uhr: Jürgen Riehle aus Holzmaden bei Stuttgart ist mit seiner Reisegruppe „Mittwochswanderer“ für einen Tagesbesuch in der Hansestadt. „Wir warten jetzt seit Ewigkeiten auf den Bus und fahren hungrig nach Travemünde – hier haben wir nichts mehr zu essen bekommen.“ Restaurants können nicht kochen, Lebensmittelgeschäfte sind zu.

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14.13 Uhr: Bei Plaza in Buntekuh wartet Kasimir Konkol (87) mit seiner Frau, bis der Strom wieder da ist. „Wir wohnen in der Korvettenstraße im 7. Stock. So viele Treppen kann meine Frau nicht steigen – der Fahrstuhl fährt ja nicht!“

Petra Beyer (58) verkauft nebenan Spargel. „Wir könnten weiter verkaufen – bei uns funktioniert alles mit Batterie. Aber es sind ja keine Kunden mehr da – die sehen, dass alles dunkel ist und gehen dann wieder. Was wir nicht verkaufen, geht zurück zum Hof.“ Heute gibt es frische Ware.

„Wir können nur hoffen, dass der Strom schnell wieder da ist. Und dass er dann stabil ist und nicht irgendwelche Geräte durchbrennen“, bemerkt Marktleiter Norman Zeuker. „Irgendwann wird es auch kritisch für die Waren in den Kühlregalen.“

Vor der Autowaschanlage bei Plaza steht Ali Abedeini (28): „Zum Glück war kein Auto in der Waschstraße, als der Strom ausfiel! Nun kann man nur warten und hoffen.“

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14.30 Uhr: Die Tür der Schiffergesellschaft in der Altstadt ist verschlossen. Am Fenster erscheint nach kurzem Klopfen Brahim Kokus (63). „Alle Kühlräume sind ausgefallen“, stöhnt er.

„Darin bewahren wir Nahrungsmittel im Wert von einigen Tausend Euro auf. Fleisch, Fisch, Gemüse. . .“

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15.10 Uhr: Vor dem Café „Central“ in der Hüxstraße sitzen etliche Gäste. Kaffee und warme Speisen gibt es nicht, aber verhungern muss niemand, denn es gibt Salate und Kaltgetränke.

Betreiber Sascha Freytag nimmt’s gelassen: „Wir haben es lustig hier.“

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15.20 Uhr: Manuela Müter (52) wartet mit gepacktem Koffer vor dem Bahnhof. „Meine Freundin kommt nicht“, stellt sie besorgt fest. „Wir wollten nach Hamburg – bald fährt der Zug, und ich weiß nicht, was mit ihr los ist. Das Handynetz scheint nicht mehr zu funktionieren.“

Immerhin fahren die Züge, doch die Anzeigetafeln, Gepäckschließfächer und Fahrkartenautomaten sind tot. „Wir haben einen Generalschlüssel für die Schließfächer“, sagt ein Mitarbeiter. „Fahrkarten muss man im Zug lösen.“ Viel schlimmer sei, dass auch die Fahrstühle ausgefallen seien. „Wenn jemand im Rollstuhl sitzt, muss er warten oder sich anders behelfen.“

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15.26 Uhr: An den Bushaltestellen warten Fahrgäste, die Hinweistafeln sind schwarz. Die Busse des Stadtverkehrs fahren aber fast pünktlich. „Der schwierige Verkehr und die ausgefallenen Ampelanlagen sorgen für minimale Verspätungen“, sagt Thomas Burghammer (59), Service-Mitarbeiter des Stadtverkehrs. Aufgrund des fehlenden Stroms sei kein Zahlungsverkehr möglich, und Auskünfte könnten nicht gegeben werden. Trotzdem sei die Stimmung bei Kunden und Personal gut.

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15.33 Uhr: Oliver Wehr (47), Famila-Warenhausleiter in Stockelsdorf, versucht, gelassen zu bleiben. „Das Schlimmste ist, dass wir den Laden zumachen mussten.“ Zwar habe der Supermarkt ein Notstromaggregat und damit gewisse Reserven zur Verfügung. Bei Stromausfall dienen diese jedoch für die Kühlung der Waren. Mitarbeiter würden daher in regelmäßigen Zeitabständen die Temperatur in den Kühlschränken messen, damit Schäden an den Produkten ausgeschlossen seien. „Solange der Strom in den nächsten paar Stunden zurückkehrt, passiert nichts."

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15.40 Uhr: Beim Suppenhersteller Campbell in der Geniner Straße ruht die Produktion. „Die meisten Kollegen sind nach Hause gegangen“, erzählt ein Mitarbeiter. Gegenüber, bei Niederegger, ist ebenfalls kein Betrieb. „Die Schicht wäre sowieso um 14 Uhr zu Ende gewesen“, ist von einem Angestellten zu hören. Was ohne Kühlung mit den gelagerten Lebensmittel geschehen kann, bleibt offen.

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16.04 Uhr: Der Strom ist wieder da. Ampeln und Telefone funktionieren plötzlich wieder. Die Lage normalisiert sich.

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