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Norddeutschland „3 nach 9“: Gaschke gibt sich versöhnlich
Nachrichten Norddeutschland „3 nach 9“: Gaschke gibt sich versöhnlich
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12:00 02.11.2013
Talkshow-Gäste unter sich: Susanne Gaschke unterhält sich bei „3 nach 9“ angeregt mit dem bekannten Schauspieler Ulrich Tukur. Quelle: dpa
Bremen

Ein Porträt im Kieler Rathaus wird es für Susanne Gaschke nicht geben. Zu schnell musste sie wegen der Affäre um ihren Steuerdeal vom Posten der Oberbürgermeisterin zurücktreten, und erst nach vier Amtsjahren stünde es ihr zu. Seit gestern hat sie trotzdem eines. Giovanni di Lorenzo hat es ihr überreicht, ihr Ex-Zeit-Chefredakteur und Moderator der Radio-Bremen-Talkshow „3 nach 9“. Dort sprach die SPD-Frau und gelernte Journalistin jetzt zum ersten Mal seit ihrem Sturz am vergangenen Montag im Fernsehen über ihre „schwere Zeit“.

16 Minuten Sendezeit räumte di Lorenzo Gaschke ein, fast ganz am Schluss der Sendung. In Kiel zitterten so lange vor allem die SPD-Spitzen. Würde Gaschke ihre Attacken auf Ministerpräsident Torsten Albig und Innenminister Andreas Breitner fortsetzen, gar verschärfen? Unnötig. Die Ex-Oberbürgermeisterin gab sich versöhnlich, manchmal sogar selbstkritisch. Sie habe die Angriffe der Opposition und der Medien wegen ihre Steuer-Entscheidung wohl zu sehr auf sich bezogen, sie gerade als Frau einfach zu schwer genommen.

Ihre Mit-Talkshowgäste schalten sich ein. Tagesthemen-Moderator Thomas Roth kann sich ihre „Angefasstheit“ bei der Rücktrittserklärung nicht erklären. „Warum diese aggressive Abrechnung am Schluss?“ Nun ja, neun Wochen harter Angriffe gingen halt nicht spurlos an einem vorbei, sagt Gaschke. Und: „Man fühlt sich, als ob man von einem Lastwagen überfahren worden wäre.“

Attacken auf die Politik im Allgemeinen, deren oft zu eingefahrenen Abläufe sie doch, wie sie sagt, verändern wollte, nur am Rande: Andere müssten nun weiter versuchen, alte Rituale in der Politik aufzubrechen. Armin Rohde, der kernig-poetische Ruhrpott-Schauspieler, will bei der Rücktrittserklärung „Fassungslosigkeit“ in ihrem Gesicht gesehen haben, so als hätte sie einfach nicht glauben wollen, dass das Leben manchmal so abläuft, als sei es in Wirklichkeit nur ein schlechter Roman. Sie wüsste Dinge, die sie nicht wieder so machen würde, sagt Gaschke, auch wenn sie den Schritt in die Politik, damals 2012, nicht bereue. Giovanni di Lorenzo hakt nach — und da muss sich Gaschke harte Kritik gefallen lassen: Ob es nicht anmaßend von ihr gewesen sei, das politische System verändern zu wollen, und dann, wenn einem die Spielregeln nicht passen, anderen die Schuld zu geben? Sie habe als politische Redakteurin doch den politischen Betrieb gekannt. Kritik gehöre doch zum politischen Alltag. Und überhaupt habe sie als Journalistin doch auch kräftig ausgeteilt.

Doch er kann Susanne Gaschke an diesem Abend nicht aus der Reserve locken. Man nehme es viel schwerer wahr, wenn es einen selbst betrifft, gibt Gaschke als Erkenntnis ihrer Amtszeit preis. Und ein, zwei Menschen, über die sie sehr kritische Kommentare schrieb, denen werde sie jetzt Briefe schreiben. Und sie will sich jetzt erst mal eine Auszeit nehmen, später sicher wieder schreiben, das habe sie ja gelernt, „irgendjemanden wird es schon interessieren“.

Schnitt. Ihr Sitznachbar Ulrich Tukur ist an der Reihe. Als er vorgestellt wird, dreht sich Gaschke zu ihm hin, himmelt ihn fast ein wenig an. Sie klatscht. Sie lächelt. Und zum ersten Mal an diesem Abend wirkt das richtig leicht und echt.

Wolfram Hammer

Die Sendung in der ARD-Mediathek

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