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Norddeutschland Innenminister: Familientragödie sollte nicht verschwiegen werden
Nachrichten Norddeutschland Innenminister: Familientragödie sollte nicht verschwiegen werden
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20:45 21.09.2018
Die Flüchtlingserstaufnahme in Boostedt: Hier wurde eine junge Frau von ihrem Lebensgefährten schwer verletzt. Quelle: Wolfram Hammer
Kiel

Familientragödie in der Flüchtlingsunterkunft Boostedt: Eine 34-Jährige ist dort am Freitag vergangener Woche von ihrem ebenfalls 34-jährigen iranischen Lebensgefährten mit einem Messer attackiert und lebensgefährlich verletzt worden. Offenbar ein Eifersuchtsdrama, heißt es. Der Mann sitzt jetzt in der JVA Neumünster in Haft.

Der 34-Jährige hatte seine Lebensgefährtin zuvor schon bedroht

Es war nicht der erste Streit mit seiner Lebensgefährtin. Der 34-Jährige sei bereits Ende August wegen Gewalttätigkeiten ihr gegenüber auffällig und weggewiesen worden, sagt Axel Bieler, Oberstaatsanwalt und Sprecher der Kieler Staatsanwaltschaft, die in dem Fall ermittelt. Er sei in einer anderen Flüchtlingsunterkunft in Neumünster untergebracht worden. Am Freitag vergangener Woche habe er sich dann „widerrechtlich Zugang zur Boostedter Einrichtung verschafft“. Er fand seine Lebensgefährtin, es sei erneut zum Streit gekommen, dann habe er zugestochen. Gegen den 34-Jährigen sei Haftbefehl wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung erlassen worden.

FDP: Innenminister Grote hätte besser informieren sollen

Am Donnerstag entbrannte prompt eine Debatte, ob CDU-Innenminister Hans-Joachim Grote von dem Vorfall auf einer Einwohnerversammlung in Boostedt am Dienstag zuvor hätte berichten müssen. Bei dem Termin war es auch um die Sicherheitslage durch die dortige Flüchtlingserstaufnahmeeinrichtung gegangen. Der FDP-Innenpolitiker Jan Marcus Rossa etwa sprach von einer „vertanenen Chance“, Vertrauen zu bilden. Dieses Vertrauen müsse nun gemeinsam zurückgewonnen werden. „Das wird nur mit schonungsloser Offenheit gelingen, anderenfalls entgleitet uns das Thema und rechtspopulistische Strömungen in unserer Gesellschaft werden die Meinungsführerschaft übernehmen“, sagte Rossa. „Das muss mit aller Kraft verhindert werden.“

„In dieser Situation hätte ich es für klüger gefunden, aktiv aufzuklären“, sagte auch der SPD-Innenpolitiker Kai Dolgner. Der Minister habe die Gelegenheit verpasst, den Bürgerinnen und Bürgern zu erklären, „dass das Verbrechen weder in Zusammenhang mit der Unterbringungssituation, alleinreisenden jungen Männern oder Perspektivlosigkeit zu sehen ist, sondern leider eine allzu alltägliche männliche Gewalttat war“.

Grote betont, er habe den Vorfall nicht verschweigen wollen

Am Abend räumte Grote dann tatsächlich ein, dass der Fall frühzeitig hätte öffentlich gemacht werden sollen. Allerdings hätte das auf nicht durch Polizei oder Innenministerium erfolgen können. Die Entscheidung darüber habe alleine bei der ermittelnden Staatsanwaltschaft gelegen. Man hätte sie aber um eine solche Veröffentlichung bitten können, sagt der Minister. „Dass wir darauf nicht gekommen sind, bedaure ich sehr.“ Künftig wolle man das anders machen. Man habe den Vorfall aber keineswegs verschweigen oder der Gemeinde Boostedt Informationen vorenthalten wollen, habe ihm nur „ohne böswillige Absicht nicht die Relevanz beigemessen, die durch die nachträgliche Diskussion deutlich geworden ist“.

Staatsanwalt: Keine aktive Pressearbeit bei Familiendramen

Auch Axel Bieler weist solche Vorwürfe für seine Behörde zurück. „Bei Familiendramen gehen wir nie aktiv an die Presse“, sagt der Staatsanwaltschaftssprecher. Und an dieser Praxis werde man auch in Zukunft festhalten. Es sei ohnehin üblich, dass in 80 bis 90 Prozent aller Taten keine Mitteilungen an die Presse erfolgten. Dies mache man nur, wenn Zeugen gesucht würden, von einer Tat allgemeine Gefahren ausgingen oder weiteren Straftaten mit der Veröffentlichung vorgebeugt werden könne, so Bieler.

Grüne sehen in dem Fall Männergewalt als Hauptproblem

„Wir haben nicht den Eindruck, dass das Innenministerium hier bewusst verschwiegen hat, sondern den üblichen Weg gegangen ist und die Ermittlungen abwartet“, sagt auch die Grünen-Landtagsabgeordnete Aminata Touré. Der Vorfall zeige vor allem, dass „wir ein massives Problem mit struktureller Gewalt gegenüber Frauen haben“, so die Politikerin. Die mache leider auch vor Flüchtlingsunterkünften nicht halt. „Das ist das Hauptproblem, dem wir uns als politisch Verantwortliche stellen müssen.“ Jedes Jahr würden in Deutschland rund 400 Frauen Opfer einer Tötung oder eines Tötungsversuchs durch Partner, mahnt auch Kai Dolgner.

Die junge Frau wird jetzt im Neumünsteraner Krankenhaus behandelt. Lebensgefahr besteht nicht mehr. Sie soll einen sechsjährigen Sohn haben, der in der Einrichtung betreut wird. Den beiden habe keine Abschiebung gedroht, heißt es. Sie hätten in Kürze eine Unterkunft in einer Gemeinde im Land beziehen können. Die Ermittlungen dauern weiter an.

Wolfram Hammer

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