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Norddeutschland 80-Jährige wollte kranken Ehemann ersticken
Nachrichten Norddeutschland 80-Jährige wollte kranken Ehemann ersticken
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23:05 12.01.2016

In einem Lübecker Krankenhaus hat sich am Sonntagnachmittag offenbar ein Drama abgespielt. Eine 80-jährige Frau soll versucht haben, ihren sieben Jahre älteren Ehemann mit einem Kissen zu ersticken, teilte die Polizei gestern mit. Der Mann leidet an fortgeschrittener Demenz. „Er hat sich gegen den Vorgang gewehrt“, sagt Polizeisprecher Dierk Dürbrook. Die Frau habe dann von ihm abgelassen und sich einer Ärztin offenbart. Als Motiv gab sie an, dass sie ihren Mann von seinem Leiden erlösen wollte. Der 87-Jährige blieb bei dem Angriff unverletzt. Die Ärztin verständigte die Polizei.

„Nach den jetzigen Erkenntnissen hätte sich die Ärztin nicht strafbar gemacht, wenn sie den Vorfall nicht gemeldet hätte“, sagt Oberstaatsanwalt Ralf Peter Anders. Gegen die 80-Jährige werde nun wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung ermittelt. „Aber nicht wegen eines versuchten Tötungsdeliktes, weil die Frau ihr Vorhaben nicht durchgezogen hat, obwohl sie die Chance dazu hatte.“

„Wenn eine Person an Demenz erkrankt, ist das für den Partner das Schlimmste, was passieren kann“, sagt Detlev Kosakowski, Geschäftsführer der Lübecker Hospizbewegung. Der eigene Mann oder die eigene Frau erkenne einen plötzlich nicht mehr wieder. „Der Mensch baut ab und verabschiedet sich damit ungewollt von seinem Partner.“ Dennoch sei es „ganz tragisch, wenn eine Frau versucht, ihren geliebten Mann umzubringen“, sagt Kosakowski. „Da muss viel passiert sein.“ Trotz allem Verständnis ist er auch in einem solchen Fall gegen aktive Sterbehilfe. „Wir können uns nicht anmaßen, zu sagen, dass so ein Leben nicht mehr lebenswert ist.“

Ähnlich sieht das auch Thomas Schell, Geschäftsführer des Palliativnetzes Travebogen in Lübeck. Der Vorfall sei traurig und bedauerlich. Er zeige die Ausweglosigkeit der Angehörigen. „Wir lehnen aber aktive Sterbehilfe ab und setzen uns stattdessen dafür ein, den Menschen ein lebenswertes Leben bis zum natürlichen Ende zu ermöglichen“, sagt er.

Selbst der Verein Sterbehilfe Deutschland mit Sitz in Hamburg, der regelmäßig Menschen beim Suizid begleitet, gibt sich zurückhaltend. „In solchen Fällen helfen wir nicht“, sagt Marie-Claire Stellmann, die Leiterin der Geschäftsstelle. Die Betroffenen müssten die Tragweite ihrer Entscheidung überblicken können. „Bei einer fortgeschrittenen Demenz liegt die Einsichts- und Willensfähigkeit aber nicht mehr vor, und die ist unserer Maßstab“, erklärt Stellmann. „Wir würden uns nach dem Gesetz strafbar machen, wenn wir etwas unternehmen würden.“ Aus emotionaler Sicht sei die Entscheidung der Frau nachzuvollziehen. „Sie sieht den körperlichen und geistigen Verfall, aber letztendlich bleibt es eine subjektive Entscheidung von ihr. Niemand weiß, ob sie die Situation richtig einschätzt.“

Der Betroffene könne es ganz anders wahrnehmen. Aus diesem Grund sei Sterbehilfe bei Demenz ein schwieriges Thema.

„Der Mann hat sich gegen den Vorgang gewehrt.“
Dierk Dürbrook, Polizei

Janina Dietrich

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