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Norddeutschland A-20-Unfall: So halfen wir dem Opfer
Nachrichten Norddeutschland A-20-Unfall: So halfen wir dem Opfer
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14:33 14.06.2018
Ein Sattelzug liegt quer auf der Fahrbahn, die Kabine ist ausgebrannt, ebenso ein zweiter Lkw, der Gasflaschen geladen hatte.  Quelle: Jens Burmester
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Lübeck

Einer von ihnen ist Ronald Hartwig (38) aus Krummesse, der als Hauptmann der Luftwaffe bei der Arbeitsagentur Lübeck tätig ist. „Ich kam aus Richtung Bad Segeberg und sah die Rauchsäule“, berichtet Hartwig. Der Unfall hatte sich gerade erst ereignet. Ein weißer Sattelzug hatte sich auf der Gegenfahrbahn quergestellt, ein zweiter, kleinerer, war an der Mittelleitplanke eingeklemmt. Es ist der Wagen eines Straßenbaubetriebes. „Der hatte Gasflaschen geladen. Ich hörte, wie sie explodierten.“

Der Fahrer des Sattelzuges liegt bereits auf der Straße und wird versorgt. Doch ist noch jemand in dem zweiten Lkw? Die Fahrertür steht offen, vor lauter Qualm ist nichts zu erkennen. Hartwig: „Plötzlich sah ich, dass am Lenkrad noch jemand saß.“

Bei dem schweren Unfall auf der A 20 am Kreuz Lübeck wurden am Dienstag zwei Menschen verletzt und Gasflaschen explodierten. Mutige Helfer bargen den schwerverletzten Lkw-Fahrer und zogen ihn aus dem Gefahrenbereich. Zwei von ihnen schildern die dramatische Rettung.

Auch Polizeihauptmeister Michael Schulz (49) von der Bundespolizei Lübeck ist soeben mit zwei Kollegen am Unfallort angekommen. Gemeinsam versuchen sie, sich dem anscheinend bewusstlosen Mann im Lkw zu nähern. Doch es scheint unmöglich. Schulz: „Die Fahrzeuge brannten. Die Hitzeentwicklung war sehr stark.“

„Die Reifen explodierten“, erinnert sich Hartwig. Da kommt der Mann im brennenden Auto plötzlich wieder zu Bewusstsein. „Er drehte sich und fiel aus der Fahrerkabine.“ Sekunden später geht das Führerhaus des Lkw in Flammen auf. Schulz weiß noch, dass ein Kollege von den Straßenbauern in seiner dicken Kleidung ungeachtet der Hitze hinter dem brennenden Wrack hervorkam und den verletzten Fahrer aus der Gefahrenzone zu ziehen versuchte. „Ich weiß nicht, wie er das geschafft hat. Eigentlich waren die Bauarbeiter auf der anderen Seite, sie konnten nicht einfach rüber zu uns.“

Klicken Sie hier, um weitere Eindrücke von dem Lkw-Unfall auf der A20 zu sehen, bei dem am Dienstag mehrere Gasflaschen explodiert sind.

Schulz und Hartwig stürzen herbei und helfen dem Arbeiter, den Schwerverletzten wegzuschleifen. „Er brannte schon an den Beinen“, sagt Hartwig. Erst 50 Meter entfernt legen sie den vor Schmerzen stöhnenden Mann ab. „Da wir beide in Erster Hilfe ausgebildet sind, wussten wir, was zu tun ist.“ Sie bitten die Umstehenden, Verbandskästen aus ihren Autos zu holen.

Schulz und Hartwig sprechen die ganze Zeit mit dem am Kopf und an den Oberarmen schwer verbrannten Mann, während sie ihn verbinden. „Es war wichtig, dass er bei Bewusstsein blieb“, sagt Hartwig. „Er durfte nicht wieder ohnmächtig werden.“

Sie erfahren, dass der Gerettete 49 Jahre alt ist, aus Westfalen stammt und zwei Kinder im Alter von neun und elf Jahren hat. Auch Hartwig hat Kinder in diesem Alter. Erst jetzt wird ihm klar, dass auch er selbst in Lebensgefahr geschwebt hat. „Daran habe ich während des Rettungseinsatzes nicht gedacht“, sagt Hartwig. Schulz geht es genauso.

Die sechs Kollegen des Bauarbeiters stehen unter Schock. Einige weinen, während Schulz’ Streifenkollegen den Verkehr regeln. Wenige Minuten später ist auch der Notarzt vor Ort, dann landet der Rettungshubschrauber auf der Fahrbahn. Die nun ebenfalls eingetroffene Feuerwehr beginnt mit den Löscharbeiten.

Ein verdienstvoller Rettungseinsatz der freiwilligen Helfer, meint Heinz Wecker (77) vom Stadtfeuerwehrverband Lübeck. Hätte sich jedoch niemand an das brennende Auto herangetraut, wäre das keinem der Unfallzeugen vorzuwerfen gewesen. „Das muss in dieser Situation jeder für sich entscheiden.“

Er rate davon ab, sich einem brennenden Fahrzeug ohne Schutzkleidung zu nähern. „Das sollte man nicht tun. Feuerwehrleute lernen, dass sie in dieser Situation zuerst absperren und mit den Löscharbeiten beginnen sollen.“ Möglicherweise sei es dann für den Fahrzeugführer des brennenden Autos zu spät. „Aber es nützt auch niemandem etwas, wenn hinterher zwei Menschenleben verloren sind statt einem.“

 Von Marcus Stöcklin

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