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Norddeutschland Ärzte warnen im Norden vor neuer Volkskrankheit
Nachrichten Norddeutschland Ärzte warnen im Norden vor neuer Volkskrankheit
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23:42 24.05.2018
Sogenannte "Kreidezähne" - hier sind Vorderzähne eines Kindes betroffen. Aufgrund der Farbveränderungen und dem Einbruch der Oberfläche ist die ästhetische Beeinträchtigung deutlich erkennbar. Quelle: dpa
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Kiel/Berlin

Forscher vermuten nun, dass für die massenhaften Zahnerkrankungen Weichmacher verantwortlich sind. Sie kommen beispielsweise in Plastik-Verpackungen für Lebensmittel vor. Der Phänomen der „Kreidezähne“ heißt medizinisch „Molare-Inzisive-Hypomineralisation“ (MIH). Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde präsentierte in Berlin gestern Zahlen und sprach von einer neuen Volkskrankheit. Danach beobachten Zahnärzte bei einer alarmierend wachsenden Zahl von Kindern schmerzhafte Veränderungen des Zahnschmelzes.

Einer neuen Studie zufolge leide bereits jedes zehnte Kind darunter, bei den Zwölfjährigen sogar fast jedes Dritte. „Bezogen auf die Mundgesundheit und die Lebensqualität der Kinder ist MIH mittlerweile ein größeres Problem als Karies“, sagte Fachverbandspräsident Prof. Norbert Krämer von der Universität Gießen.

„Wir haben im Norden noch keinen signifikanten Anstieg von MIH bemerkt“, berichtet Dr. Michael Brandt, Präsident der Zahnärztekammer Schleswig-Holstein. Er macht auf eine Greifswalder Studie aufmerksam, wonach Großstädter auffallend häufiger unter „Kreidezähnen“ leiden als Menschen, die in ländlichen Regionen leben.

Bislang wissen Mediziner wenig über die Krankheit. Wissenschaftlich beschrieben wurde MIH das erste Mal 1987, einen einheitlichen Namen hat sie erst seit 2001. Sicher ist bis heute nur, dass die ersten vier Lebensjahre für die Fehlbildung entscheidend sind. Schon erste Studien hatten gezeigt, dass „Kreidezähne“ nicht vererbt werden, sondern durch Umwelteinflüsse entstehen. In Verdacht, die Zahnerkrankung auszulösen, steht jetzt nach Versuchen an Ratten der Stoff Bisphenol A. Das ist ein seit Jahren in der Kritik stehender Weichmacher, der unter anderem in Plastik-Verpackungen, Trinkflaschen und Konservendosen enthalten ist, und mit der Nahrung aufgenommen wird. In Babyflaschen ist dieser Weichmacher seit 2011 EU-weit verboten.

„Es ist gut, dass das Problem endlich erkannt und in der Öffentlichkeit diskutiert wird“, sagt Dr. Thomas Beikler, Direktor des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Er warnt allerdings vor einer Überbewertung der jüngsten Zahlen. Die Qualität der vorliegenden Studien sei nicht ausreichend.

Es handele sich bisher nur um Verdachtsmomente, räumt Verbandspräsident Krämer ein. Infektionskrankheiten, Antibiotika oder Einflüsse durch Umweltgifte wie Dioxin wären als mögliche Auslöser ebenfalls denkbar. Solange die Forschung die genaue Ursache nicht kenne, könnten Ärzte auch nicht vorbeugen. Zunächst ziele die Behandlung dann darauf, mit Fluoridlack Karies abzuwenden.

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