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Norddeutschland Alheit: Mitarbeiter haben mich nicht informiert
Nachrichten Norddeutschland Alheit: Mitarbeiter haben mich nicht informiert
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22:58 11.06.2015
Unter Druck: Kiels Sozialministerin Kristin Alheit (47, SPD).
Kiel

SPD-Sozialministerin Kristin Alheit hat gestern vor dem Landtagsausschuss erneut ihre Ahnungslosigkeit in der Affäre um das Skandal-Heim „Friesenhof“ beteuert. Weder sie noch SPD- Staatssekretärin Anette Langner hätten vor Juni von den Vorkommnissen in der Dithmarscher Jugendhilfeeinrichtung gewusst.

Führende Mitarbeiter des Ministeriums, das folgt aus den Ausführungen Alheits und Langners, müssen demnach zig Gelegenheiten verpasst haben, die Hausspitze zu informieren. Jeden Mittwoch, so sagt es Langner, treffe sich unter ihrer Leitung die Abteilungsleiterrunde. Mit dabei: die Leiterin der Abteilung III, Silke Duda, zugleich Leiterin des Landesjugendamtes. Bei ihr waren über Monate immer wieder Hilferufe von in den Friesenhof eingewiesenen Mädchen aufgelaufen: Sie müssten sich vor männlichen Betreuern nackt ausziehen, es gebe Kollektivstrafen, Redeverbot, Kontaktverbote. Elf Mädchen, auch davon wusste man in Kiel, mussten binnen 15 Monaten wegen Kindeswohlgefährung in andere Einrichtungen gebracht werden — bei insgesamt nur 20 Plätzen.

Auch Betreuer alarmierten das Landesjugendamt. Das reagierte nur mit zumeist vorher angekündigten Kontrollen, erließ ein paar Anordnungen, doch die Beschwerden rissen nicht ab. Schließlich meldete der Heim-Betreiber sogar eine sexuelle Beziehung eines Betreuers zu einem der Mädchen. Der Staatsanwalt ermittelt wegen sexuellen Missbrauchs. Doch in den Abteilungsleiterrunden, so sagt es Langner, sei davon nichts vorgetragen worden. Es sei Sache der Abteilungsleiter, zu entscheiden, was dort zur Sprache kommt. Und Prüfungen von Heimen seien Tagesgeschäft, nichts Außergewöhliches.

Ob es da denn irgendwelche Kriterien für die Abteilungsleiter gebe, was gerade für politisch bedeutsam gehalten werde, wollen die erstaunten CDU- und FDP-Vertreter im Ausschuss wissen. Alheit greift ein: Na ja, man sei schon „so dicht aneinander“, dass man sich über die Frage, was politisch relevant sei, austausche, sagt sie. Allerdings: Ihr Pressesprecher Christian Kohl habe sie im Mai 2014 wirklich nicht darüber informiert, dass sich das Landesjugendamt mit dem Aufsatz einer Dithmarscher Familienrichterin befasste, die vor genau solchem Missbrauch in dortigen Heimen warnt — Kohl war alarmiert worden, weil das Amt eine Gegendarstellung dazu verfassen wollte. „Rückblickend hätte er das natürlich tun müssen“, sagt Alheit. Also: sie informieren. Gelegenheit dazu hätte auch Kohl gehabt: Er sitzt täglich mit Langner und Alheit in der Morgenrunde der Stabsabteilung — neben deren Leiterin Susanne Hanebuth, einer Weggefährtin Langners aus der SPD im Kreis Plön, bei der, so Alheit, im März zwar tatsächlich ein Beschwerdebrief eines Heim-Mitarbeiters in der Sache angekommen sei, von dem sie aber ebenfalls nichts erfahren habe.

Im Nachhinein, so sagt es Alheit noch, würde sie sich wünschen, dass das Landesjugendamt sie spätestens nach den ersten Anordnungen an den Betreiber ins Bild gesetzt hätte. Konkrete Konsequenzen? Die Ministerin kann keine nennen. Nur so viel: Man müsse dafür sorgen, dass in Zukunft schneller und besser gehandelt werde. Man habe schon das Personal der Heimaufsicht um zwei Stellen aufgestockt.

„Fehlendes Personal war doch gar nicht das Problem. Die Hinweise sind ja alle da gewesen“, kontert die CDU-Abgeordnete Heike Franzen. Es sei trotzdem nicht gehandelt worden. „Und das lag daran, dass das Ministerium auf beiden Augen blind ist.“ Tatsächlich sind erst vor wenigen Tagen zwei der „Friesenhof“-Heime geschlossen worden — nach ersten Presseberichten über die Missstände dort.

Zur Person
Kristin Alheit wurde am 23. September 1967 in Kassel geboren, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Abitur 1986 in Bremen. Jurastudium. Anwältin in Frankfurt. 1998 zog sie nach Hamburg, wurde Referentin in der Finanzbehörde und saß für die SPD in der Altonaer Bezirksversammlung. 2008 wurde sie Bürgermeisterin von Pinneberg. Im Juni 2012 berief Torsten Albig sie zur Sozialministerin.
Seit Ende 2014 ist sie zugleich Wissenschaftsministerin.

Wolfram Hammer

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