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Als die Flüchtlinge Lübeck erreichten

Lübeck Als die Flüchtlinge Lübeck erreichten

Vor einem Jahr kamen auch in Lübeck Tausende Flüchtlinge an. In vier Beispielen blicken wir zurück – und nach vorn.

Schlagzeilen im Rückblick: LN-Titelseiten vom September vergangenen Jahres.

Quelle: Roeßler (2), Albrod, Diederichs

Lübeck. Im Lübecker Hauptbahnhof war erst mal Schluss: Ein Zug nach Kopenhagen, von der Bundespolizei gestoppt. Darin: 230 Flüchtlinge, aus Syrien vor allem, ohne Visa, oft ganz ohne Papiere. Was tun? Wohin mit den verzweifelten Menschen, die langsam zu protestieren anfingen. Am Nachmittag ließen die Behörden den Zug einfach weiterfahren.

Live-Ticker zum Nachlesen

So berichtete LN Online live, als Flüchtlinge auf der Reise nach Schweden ein Gleis im Lübecker Hauptbahnhof besetzten

Es war der 8. September 2015. Es begann das Jahr, in dem die Hansestadt zum Knotenpunkt für zigtausende Hoffnungssuchende auf dem Weg nach Schweden wurde. Und zum Transithafen, weil viele Flüchtlinge die Fähre nutzten. „Bei 15000 haben wir aufgehört zu zählen“, sagt Christoph Kleine vom Flüchtlingsforum. Bis zu 400 Menschen pro Tag wurden allein im Kulturzentrum „Walli“ mit einem Schlafplatz und Essen versorgt. Die Stadt richtete in Schulturnhallen Notunterkünfte ein.

„Wir schaffen das“, hatte Kanzlerin Angela Merkel wenige Tage zuvor als Losung ausgegeben. Und wie in Lübeck packten im ganzen Land tausende freiwillige Helfer mit an. Denn viele Flüchtlinge wollten auch hier bleiben. Das Land stampfte, von der Polizei organisiert, in alten Kasernen und Containerdörfern binnen weniger Monate zu den 1350 bestehenden noch über 20000 neue Erstaufnahmeplätze aus dem Boden.

Aus vielen Behörden meldeten sich Freiwillige, um bei der Erfassung der Flüchtlinge zu helfen. In Städten und Gemeinden suchten und schufen Verwaltungsmitarbeiter Wohnungen für die Neuankömmlinge.

Fast 42000 Flüchtlinge kamen seither nach Schleswig-Holstein.

int/wh

Am 8. September findet in Lübeck zu Erinnerung an den Jahrestag eine Kundgebung beim Bahnhof statt. Danach führt ein Marsch zur „Walli“. Am 24. September gibt es dort ein Fest, zu dem auch eine Broschüre über die damaligen Ereignisse vorliegen soll.

Die Familie mit Flüchtlingsbaby: „Wir wollen bleiben“

Seit einem Jahr leben Ghaithaa Abdulhanan und Tochter Solaf in Lübeck. Baby Arin kam im Januar zur Welt.

Seit einem Jahr leben Ghaithaa Abdulhanan und Tochter Solaf in Lübeck. Baby Arin kam im Januar zur Welt.

Quelle:

Sie hofft, noch lange in Lübeck leben zu können: Ein Jahr ist es her, dass Ghaithaa Abdulhaan aus ihrer Heimat Syrien flüchtete. Bis Deutschland war es ein langer und schwerer Weg (die LN berichteten). Im dritten Monat schwanger und ohne die Hilfe ihrer Familie durchquerte die heute 38-Jährige Europa. „Ich bin oft zu Fuß gegangen“, erinnert sie sich, „es war sehr schwer.“

Ende August kam sie endlich in Lübeck an. Ihr Ehemann und ihre drei Kinder Sibar (18), Solaf (16) und Ribar (15) folgten im Oktober. Die Erstaufnahme auf dem Lübecker Volksfestplatz, ein kleines Zimmer in der Gemeinschaftsunterkunft im ehemaligen Praktiker-Baumarkt in der Geniner Straße – mehrmals musste die Familie ihren Wohnraum wechseln, bis sie im Februar schließlich die erste gemeinsame Wohnung beziehen konnte. Ghaithaa hatte wenige Wochen zuvor Baby Arin zur Welt gebracht.

Heute leben Eltern und Kinder immer noch in der kleinen Zwei-Zimmerwohnung, die ihnen die Gemeindediakonie vermittelt hat. Tochter Solaf und Sohn Ribar gehen zur Schule, Ghaithaa besucht drei Mal in der Woche einen von ehrenamtlichen Helfern organisierten Sprachkurs der St. Stephanus-Gemeinde.

Doch ob die Familie langfristig in Lübeck Fuß fassen kann, ist noch ungewiss. Bisher haben Eltern und Kinder keine langfristige Aufenthaltserlaubnis. Und auch ihre jetzige Wohnung müssen sie bald verlassen: „Das Haus soll im September abgerissen werden“, sagt Hebamme Kathrin Schumacher, die Ghaithaa und ihre Familie seit Arins Geburt betreut. „Ihnen wurde gesagt, dass sie sich jetzt selbst eine neue Wohnung suchen müssen.“

Bürokratische Hürden und Sprachprobleme erschweren die Suche nach einem neuen Zuhause. Doch Ghaithaa hat die Hoffnung nicht aufgegeben: „Wir hoffen sehr, in Lübeck bleiben zu können.“

kad

Der Dolmetscher: „Fühlte mich schlecht“

Fawad Hotak.

Fawad Hotak.

Quelle:

Irgendwann ist Fawad Hotak (23) einfach in der „Walli“ geblieben und hat auf dem Sofa geschlafen. „Es war zu viel zu tun“, sagt er. Fawad Hotak hat in Afghanistan Informatik studiert und ist vor zwei Jahren selbst geflüchtet, „Mittelmeer und alles“. Jetzt half er anderen Flüchtlingen als Dolmetscher.

Er spricht Farsi, Dari, Paschtu, Urdu-Hindi, Englisch, Deutsch. Er war zum Bahnhof gegangen, hatte übersetzt und der Polizei seine Handynummer gegeben. Irgendwann riefen sie drei-, viermal am Tag an und baten um Hilfe. Er hat auch in der Diakonie gedolmetscht und in der „Walli“. Zu einigen Flüchtlingen von damals hat er heute noch über Facebook Kontakt. „Die meisten sind glücklich, wo sie sind“, sagt er. In Skandinavien dauere das Asylverfahren auch nicht so lange wie hier.

Aber einige Bilder gehen ihm bis heute nicht aus dem Kopf. Der Junge etwa, zwölf Jahre, der allein aus Afghanistan gekommen war und nach England zu seinem Onkel wollte. Oder der Vater, dessen Sohn in Schweden im Koma lag. Er konnte nicht zu ihm, weil er keinen Pass hatte. „Bitte, lasst mich nach Schweden“ habe er gebeten und nur geweint, aber sie konnten nicht helfen. „Ich habe mich richtig schlecht gefühlt“, sagt Fawad Hotak. Was aus dem Vater und dem jungen Afghanen geworden ist? Er weiß es nicht.

int

Der Flüchtling: Wo bleibt der Brief?

Mahmoud Jibriel.

Mahmoud Jibriel.

Quelle:

Mahmoud Jibriel (22) ist im vergangenen Jahr mit seiner Tante und einer Kusine aus Syrien geflohen. Sie haben in Lübeck zuerst in der Unterkunft im früheren Praktiker-Markt gewohnt, seit dem Frühjahr leben sie in einem Heim in der Fackenburger Allee.

Er teilt sich das Zimmer mit einem Flüchtling aus dem Irak. Es ist in Ordnung, sagt er, aber es könnte besser sein. Vor allem wäre er gern mehr unter Leuten, die Deutsch sprechen. Er selber kann es schon einigermaßen, er hat sich bemüht. Aber weil er zwar aus Syrien kommt, jedoch Palästinenser ist und keinen syrischen Pass besitzt, hat er keinen Anspruch auf einen Sprachkurs. In der „Walli“

werden sie zwar kostenlos angeboten, und er geht dort auch hin, genauso wie zu den Kursen der Diakonie, aber man bekommt am Ende keine offizielle Bescheinigung. Und die brauchte man, wenn man etwa studieren wollte. Selbst einen Kurs zu bezahlen ist recht teuer.

Es ist also alles ziemlich kompliziert. Vor allem aber wartet Mahmoud Jibriel momentan auf einen Brief von der Behörde. Er ist schon zur Anhörung in seinem Asylverfahren in Rendsburg gewesen, vor einem Monat war das beendet. Jetzt muss irgendwann der Bescheid kommen. Aber das kann dauern. Und die Ungewissheit macht einen nicht ruhiger.

Er würde gerne in Deutschland bleiben, sagt er. Er war Tischler in Syrien, aber ohne Aufenthaltsgenehmigung kann er sich da keine Hoffnung machen. Also wartet er weiter auf den Bescheid, hat ab und zu Kontakt zu seiner Familie in Syrien und schaut, was kommt.

int

Der Bürgermeister: „Sie waren da“

LN-Bild

Thomas Schreitmüller.

Quelle:

Barsbüttel. War die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung gut oder schlecht, hätte Deutschland weniger oder noch mehr Menschen aufnehmen müssen?

Vor Ort stellte sich diese Frage vor einem Jahr nicht. „Die Flüchtlinge waren da“, sagt Barsbüttels Bürgermeister Thomas Schreitmüller. Also wurde die Sache angepackt. Beamte in Stadt und Land ließen das Paragrafenreiten sein, Vergabevorschriften habe wohl kaum noch jemand eingehalten. 220 Flüchtlinge fanden in seiner Gemeinde eine neue Heimat. Probleme gab’s dabei aber auch. Das Bundesamt für Ausländerangelegenheiten sei überhaupt nicht auf die vielen Asylanträge eingestellt gewesen, beorderte Flüchtlinge für den nächsten Morgen, 8 Uhr, nach Neumünster, ließ sie dort Stunden warten – samt der freiwilligen Helfer, ohne die sie gar nicht hingekommen wären, sagt Schreitmüller.

Es seien auch schwer kranke Flüchtlinge einfach an die Kommune weiter verteilt worden. Und es fehle immer noch an finanzieller Unterstützung der Kommunen aus Berlin und Kiel für die Integrationsarbeit. Viele Gemeinden hätten groß gebaut, jetzt stünden wegen des abgerissenen Flüchtlingsstroms Wohnungen leer, es hake bei der Refinanzierung. Nun müsse das Land dafür sorgen, dass die erwerbsfähigen Flüchtlinge in Barsbüttel noch schneller in der deutschen Sprache fit gemacht werden, damit sie eine Arbeit aufnehmen können. Bei immerhin 15 von ihnen sei das bereits gelungen.

 wh

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