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Arzneimittel-Versuche an Heimkindern und Kranken

Schleswig Arzneimittel-Versuche an Heimkindern und Kranken

Medikamententests an Heimkindern und psychisch Kranken im Landeskrankenhaus Schleswig haben möglicherweise weit größere Ausmaße als bisher angenommen. Betroffen sein könnten 3500 Personen, darunter 1000 Kinder und Jugendliche. Die Opfer werden finanziell entschädigt.

Nach aktuellem Kenntnisstand des Kieler Sozialministeriums waren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie vier Probandengruppen mit insgesamt 748 Personen von Medikamentenversuchen betroffen.

Quelle: dpa (Archiv)

Schleswig. Zunächst war bekannt geworden, dass ein inzwischen verstorbener Arzt in der Schleswiger Jugendpsychiatrie des damaligen Landeskrankenhauses Psychopharmaka an 95 Kindern und Jugendlichen ab einem Alter von drei Jahren getestet hatte. Laut einem NDR-Bericht wurden Medikamente vor deren Markteinführung aber an „mindestens 3500 Probanden“ getestet, auch an Patienten in der Erwachsenen-Psychiatrie in Schleswig- Stadtfeld. Allein 300 Kindern sei der leistungssteigernde Wirkstoff Encephabol verabreicht worden – ohne Einwilligung. Der Sender bezieht sich auf die intensive Auswertung wissenschaftlicher Publikationen aus jener Zeit. Die Vorfälle ereigneten sich von 1964 bis 1977.

Nach aktuellem Kenntnisstand des Kieler Sozialministeriums waren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie vier Probandengruppen mit insgesamt 748 Personen von Medikamentenversuchen betroffen. Diese Zahl könne aber nicht als endgültig angesehen werden. Zum einen sei unklar, ob es bei dieser Zählung möglicherweise Überschneidungen gebe, zum anderen bilde die bisherige Auswertung „noch kein vollständiges und belastbares Bild“ ab, erläuterte ein Ministeriumssprecher. In der Erwachsenen-Psychiatrie seien den ausgewerteten Veröffentlichungen zufolge Probandengruppen in einer Stärke zwischen 30 und 124 Patienten für Tests missbraucht worden. Das Sozialministerium geht davon aus, dass mehr als ein Arzt in die Vorgänge verwickelt war.

Auch die Zahl von Opfern, die sich nach einem Aufruf meldeten, deutet darauf hin, dass der Kreis der Betroffenen größer ist als ursprünglich angenommen. 221 Menschen haben sich in Schleswig-Holstein gemeldet und einen Anspruch auf Anerkennungsleistungen geltend gemacht. 85 Anträge sind laut Ministerium bewilligt. Insgesamt seien 902000 Euro ausgezahlt worden. Opfer werden mit der Pauschalsumme von 9000 Euro und einer Rentenersatzleistung von bis zu 5000 Euro entschädigt.

Er wisse, dass erlittenes Unrecht durch eine Entschuldigung nicht wiedergut gemacht werden kann, sagte Landessozialminister Heiner Garg (FDP). „Trotzdem sehe ich mich in der moralischen Verpflichtung, mich im Namen der Landesregierung für dieses Leid zu entschuldigen.“ Eine Studie soll die Vorgänge in Schleswig nun aufarbeiten. Der Landeshaushalt stellt dafür 100 000 Euro zur Verfügung.

Die Pharmazeutin Sylvia Wagner war bei der Auswertung von Archivmaterial und historischen Fachzeitschriften als Erste auf den Skandal gestoßen. Dabei hatte sie Belege für bundesweit 50 illegale Versuchsreihen gefunden, zwei in Schleswig-Holstein.

Bei 65 Heranwachsenden im Landeskrankenhaus Schleswig hatte der Arzt seine Versuche mit dem Neuroleptikum Haloperidol mit der Begründung gerechtfertigt, seine Patienten neigten zu Aggressionen und „exzessiver Masturbation“. Bei den verantwortlichen Medizinern und Amtsträgern habe es sich „in nicht unerheblichem Maße“ um ehemalig hohe NS-Funktionäre gehandelt, schreibt Wagner in ihrer Doktorarbeit. Ein ehemaliges Heimkind erinnert sich, Säfte und Tabletten bekommen zu haben. „Du bist festgehalten worden, Nase zugehalten, Tablette rein.“

Studie soll Hintergründe beleuchten

Neben der individuellen Hilfe bemüht sich das Land auch um die wissenschaftliche Aufarbeitung von Misshandlungen durch Medikamentenversuche. An einer interdisziplinär angelegten Studie sollen Experten aus den Fachrichtungen Medizin, Rechtswissenschaften, Geschichte und Philosophie mit forschungsethischer Ausrichtung teilnehmen. Die Untersuchung ist auf zwei Jahre angelegt.

Sozialminister Heiner Garg (FDP) erwartet, „dass sich Pharma-Unternehmen offensiv und umfassend an der Aufklärung beteiligen“.

 Curd Tönnemann

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