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Norddeutschland Asyl unterm Reetdach — gestrandet auf Sylt
Nachrichten Norddeutschland Asyl unterm Reetdach — gestrandet auf Sylt
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20:17 19.12.2015
Saad füllt, unterstützt von Helfer Bernd Frühling (v. l.), einen Antrag auf Arbeitserlaubnis aus.
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Sylt

Da ist er wieder, der Sylt-Effekt. Dieses spezielle Licht, wenn die Sonne durch die Wolken bricht. Das Licht, das Sylt so besonders macht. Dazu die Reetdachhäuser, das exklusive Flair: In Kampen und anderswo, wo sich die Reichen und Schönen treffen, teure Markenklamotten shoppen und Luxusuhren kaufen.

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Die Leute nur unterzubringen, reicht nicht. Sie brauchen auch psychische Betreuung.“Bernd Frühling (49), Helfer

„Ich liebe Äpfel. Ich habe früher schon einmal einen gegessen.“ Wenige Kilometer von Kampen entfernt steht Saad Mohammed Hassen (18) unter einem Apfelbaum. Ein paar hängen noch in den Ästen vor dem Reetdachhaus in Keitum. Es liegt gegenüber der Kirche und dient dem jungen Somalier und zehn Mitbewohnern als Unterkunft. Bei Saad zu Hause in Somalia sind Äpfel Luxus. „Ein Apfel kostet über zwei Euro.“ Der durchschnittliche Tagesverdienst liegt bei drei bis fünf Euro.

Es war ein langer Weg hierher ins Land der Äpfel — und nach Sylt. Über Äthiopien und den Sudan flüchtete Saad 2014 nach Libyen. Von dort in einem kleinen Boot, besetzt mit 88 Menschen, nach Europa.

Für die Überfahrt zahlte er 1800 US-Dollar. „Mein Onkel hat mir das Geld für die Flucht gegeben.“

Ausgerechnet Sylt. Geht das überhaupt, Flüchtlinge auf Sylt, im Urlaubsparadies der Schickeria? Wo steinreiche Promis wie Günther Jauch und Wolfgang Joop sich guten Tag sagen?

Rolf Speth (69), der Bürgermeister von Hörnum, sitzt hinter seinem Schreibtisch und zählt nachdenklich die Amtsgemeinden auf. Kampen gehört dazu, List und Wenningstedt. Rund 4000 Einwohner. Ganz Sylt hat kaum mehr als 20000 Bewohner. Dazu derzeit knapp 200 Flüchtlinge. „Bis März werden es wohl 400 sein“, glaubt Speth. „Unser Amt kriegt 25 Prozent davon.“ Bisher sind die Flüchtlinge dezentral untergebracht, in leerstehenden Häusern, in Ferienwohnungen. Ein großes Lager oder Container gibt es nicht auf Sylt.

Es geht den Neuankömmlingen nicht schlecht auf der Nordseeinsel. Es gibt Eigentümer, die freiwillig Wohnraum zur Verfügung stellen. Es gibt eine Flüchtlingsinitiative, Möbel-, Kleider-, Fahrradspenden. Die Volkshochschule und der Verein Integrationshilfe bieten Deutschkurse an. Es gibt viel guten Willen, wie anderswo auch. 50 Prozent der Menschen seien aufgeschlossen, schätzt Speth.

„Die andere Hälfte findet das alles wohl nicht so gut. Aber eher im Stillen.“

Es gibt auch Probleme. Anfang November gab es eine Messerstecherei mit einem Toten in einem Flüchtlings-Haus in Westerland. „Das weckt Ängste“, meint der Bürgermeister. „Vor dem Fremden, dem Unbekannten.“ Integration sei ohnehin schwierig, schon der Sprache wegen — auch zu Weihnachten. In erster Linie aber müssten nun weitere Unterkünfte her.

„Wir schaffen das“, sagt Speth, der einer Wählergemeinschaft angehört, ohne Begeisterung. Er könne den Ansatz von Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht wirklich nachvollziehen. Leere Wohnungen gebe es immerhin genug.

Es sind zurzeit nicht allzu viele Touristen auf Sylt. In Kampen warten gelangweilte Verkäufer in Nobel-Boutiquen und Juwelierläden. Flüchtlinge? „Nein“, sagt eine Mode-Verkäuferin. „Hab‘ ich hier noch nicht gesehen.“

Wie auch. Die Unterkünfte sind woanders, am Nord- und Südende der Insel, in List und Hörnum, außerdem in Westerland. Doch auch dort sieht man die Flüchtlinge kaum. „Man merkt die hier gar nicht“, findet Inge Petersen (75), die nahe der Westerländer Flüchtlingsunterkunft lebt. Dort, wo sich der Todesfall ereignete. Trotzdem habe sie keine Angst.

Flemming Frank (38), Altenpfleger aus Westerland, gibt dagegen zu, dass seine Mutter nach dem Vorfall sehr besorgt sei. „Die traut sich im Dunkeln nicht mehr auf die Straße.“ Dennoch sagt Flemming:

„Helfen müssen wir.“

Die psychische Betreuung komme zu kurz, sucht Bernd Frühling (49), Kommunalbeamter aus Hörnum und ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer, nach Ursachen für die Tat. „Die Leute nur unterzubringen, reicht eben nicht.“ Frühling betreut auch Saad. In Somalia fuhr Saad ein dreirädriges Taxi. Doch das Leben sei zu gefährlich geworden dort. Auf den Straßen regieren Bürgerkrieg und Gewalt. „Frauen werden auf offener Straße vergewaltigt, Menschen getötet.“

Auf Sylt hat Saad nun Gitarrenunterricht. Er lernt Deutsch. Was ihm noch fehlt, ist Arbeit. Saad hofft, dann seine in Somalia gebliebene Familie unterstützen zu können. Es scheint, als habe er Glück:

Gordon Debus (40) vom A-Rosa-Resort Sylt will ihn und zwei andere Somalier als Küchenhelfer einstellen. Vielleicht können sie später eine Ausbildung machen. Saad ist froh, dass er gebraucht wird. Es gefalle ihm auf Sylt, strahlt er. „Ich will gerne hierbleiben.“

Marcus Stöcklin

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