Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Erschreckende Zahl: 374 verletzte Polizisten im Jahr
Nachrichten Norddeutschland Erschreckende Zahl: 374 verletzte Polizisten im Jahr
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:26 12.09.2018
Gewalt gegen Polizisten, hier bei einer Demonstration 2011 in Lübeck: In der Hansestadt wird derzeit erforscht, wie es dazu kommt und wie die Gewalt verhindert werden kann. Quelle: dpa
Kiel

Schon wieder ein Angriff auf Polizeibeamte: In Essen schlägt ein libanesisch-stämmiger 17-Jähriger bei einer Kontrolle in einer Shisha-Bar auf eine Beamtin ein, würgt und tritt sie. Erst kurz zuvor waren bei den Demonstrationen in Chemnitz Polizeibeamte von Rechtsradikalen angegriffen worden. Auch in Schleswig-Holstein klagen Polizeibeamte über eine zunehmende Gewaltbereitschaft ihnen gegenüber.

Pro Tag mindestens ein verletzter Polizist

„Statistisch gesehen wurde im Norden im vergangenen Jahr jeden Tag mehr als ein Polizist im Dienst durch einen Angriff verletzt“, rechnet Torge Stelck vor, der Sprecher des Landespolizeiamtes. 2017 sei die Zahl der Verletzten gegenüber 2016 zwar etwas gesunken, bleibe aber weiter auf hohem Niveau.

„Diese Verrohung unserer Gesellschaft ist und bleibt nicht hinnehmbar“, sagt Schleswig-Holsteins CDU-Innenminister Hans-Joachim Grote zur Gewalt gegen Polizeibeamte. Quelle: dpa

Tatsächlich weist die Kriminalstatistik 374 verletzte Beamte allein im Jahr 2017 aus. 2016 waren es 441 und damit nahezu so viele wie 2012 mit 443. In den Jahren dazwischen war die Zahl bis auf 354 gesunken. Was die Beamten besonders besorgt, ist allerdings „das seit Jahren anhaltend hohe Gewaltniveau“, sagt Torge Stelck. Dieses Gewaltniveau spiegele sich nicht nur in den Fallzahlen wieder, sondern in der Qualität der Gewalt, die den Vollzugskräften entgegenschlage.

Im Dienst angegriffen

1307 Attacken gegen Polizeibeamte weist ein interner Fachreport für das Jahr 2017 aus. Das hat das Innenministerium auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion hin mitgeteilt. Die Daten basieren auf Zahlen des Vorgangsbearbeitungssystems „artus“. 2016 gab es demnach nur 1268 Angriffe. Betroffen waren jetzt 2607 Beamte, 164 mehr als 2016. Zumeist habe es sich um Widerstandshandlungen und Rohheitsdelikte gehandelt, heißt es. An insgesamt 414 Tagen fehlten Beamte im Jahr 2017 demnach, weil sie aufgrund einer Verletzung bei Widerstandshandlungen dienstunfähig waren. 2016 lag der Wert bei 517 Tagen. 679 Mal erstatteten Polizisten im vergangenen Jahr Strafanzeige wegen Widerstandshandlungen. 2016 taten das 736 Beamte. 431 Mal zeigten Polizisten Körperverletzungen im Dienst an. 2016 taten das 422. Vergleichszahlen für das Jahr 2018 liegen nach Auskunft des Landespolizeiamtes noch nicht vor.

Bei der Polizeigewerkschaft DPolG zählte man 2017 insgesamt 1300 tätliche Angriffe auf Polizeibeamte. „Damit einher geht eine rasante Abnahme des Respekts vor Polizisten sowie auch der Akzeptanz des staatlichen Gewaltmonopols“, sagt DPolG-Vize-Landeschef Thomas Nommensen. Das alles sei „alarmierend“. Einen traurigen Spitzenplatz bei den Angriffen auf Polizeibeamte innerhalb von Schleswig-Holstein nehme Lübeck ein. Man begrüße es daher, dass die Polizeidirektion in der Hansestadt die Ursachen jetzt vom LKA und der Deutschen Hochschule der Polizei untersuchen lässt.

Polizisten berichten von zunehmender Gewalt

Auch die Geschäftsführerin der Polizeigewerkschaft GdP, Susanne Rieckhoff, klagt über zunehmende Gewalt. Gerade erst habe ein junger Kollege aus der Direktion Segeberg um Rechtsschutz gebeten, nachdem er bei einem Einsatz am Montagabend beleidigt, gekratzt und geschlagen worden war. „Solche Darstellungen hören und erleben wir auf der Geschäftsstelle leider immer wieder. Insofern ist der Essener Fall leider kein Einzelfall.“

„Diese Verrohung unserer Gesellschaft ist und bleibt nicht hinnehmbar“, sagt Kiels CDU-Innenminister Hans-Joachim Grote. Man habe deshalb auch massiv in die Verbesserung der Schutzausrüstung der Beamtinnen und Beamten investiert. Bei der Landespolizei selber verweist man ebenfalls darauf. „Diese Ausstattung verhindert in aller Regel keine Gewalt, sie kann aber signifikant die körperlichen und psychischen Folgen für Kolleginnen und Kollegen minimieren“, sagt Torge Stelck. Außerdem gebe es jetzt ein noch mal verbessertes Einsatztraining mit Deeskalations- und Konfliktlösungsstrategien. Und: Die Landespolizei testet den Einsatz von Kameras an der Uniform, sogenannten Bodycams.

Die SPD-Landtagsabgeordnete Kathrin Wagner-Bockey plädiert für mehr Personal und gutes Training als Gewalt-Schutz. Quelle: Lutz Roeßler

„Jeder Angriff auf Polizisten ist einer zuviel“, sagt die SPD-Landtagsabgeordnete Kathrin Wagner-Bockey. Dagegen helfe es nur, genügend Personal einzusetzen und Eigensicherungsmaßnahmen zu üben. Hier sei Schleswig-Holstein mit den Möglichkeiten des neuen Einsatztrainingszentrums in Eutin gut aufgestellt. Burkhard Peters von den Grünen setzt zudem auf mehr Prävention, etwa in den Schulen. Das habe man auch im Jamaikabündnis mit CDU und FDP vereinbart. Die Strafrechtsverschärfungen der Vergangenheit hätten hingegen offensichtlich keine Wirkung erzielt.

DPolG: „Wer Polizeibeamte angreift, greift den Staat an“

Für „gute Ausbildung, gute technische Ausrüstung und ausreichend Personal“, plädiert auch der FDP-Abgeordnete Jörg Hansen. Taten in der Schwere des Vorfalls in Essen seien in Schleswig-Holstein glücklicherweise nicht an der Tagesordnung. „Was mir jedoch große Sorgen bereitet, sind die steigenden Zahlen der Widerstandshandlungen gegenüber Polizisten“, sagt der Liberale.

„Wer Polizeibeamte angreift, der greift den Staat an. Diese Erkenntnis muss sich nicht nur in der Politik, sondern in der Gesellschaft wieder verstärkt durchsetzen“, sagt Thomas Nommensen. Die DPolg fordert daher, die Erkenntnisse aus der Lübecker Studie sofort nach deren Veröffentlichung in Maßnahmen zur Bekämpfung der Gewalt gegen Polizisten umzusetzen. „Geld darf dabei keine Rolle spielen“, sagt Nommensen. Es gehe schließlich um die Gesundheit und das Leben von Einsatzkräften.

Wolfram Hammer

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Sollten Schulen Halal-Fleisch in den Kantinen anbieten müssen? Die Diskussion um diese Frage erhitzt gerade die Gemüter in Hamburg. Der Hamburger Schulsenator lehnt eine Pflicht zu dem Angebot ab.

12.09.2018

Bürger haben am Dienstagabend per Notruf den Geruch von verbranntem Plastik gemeldet, die Feuerwehr konnte aber keinen Brand finden. Die Ursache lag ganz woanders, 230 Kilometer entfernt.

12.09.2018

Guido Maria Kretschmer schwebt nach seiner Hochzeit auf Sylt nach wie vor auf Wolke Sieben –obwohl sich das Paar keine Flitterwochen gegönnt hat.

12.09.2018