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Norddeutschland Mehr Aufgaben für der Sicherheitsbranche
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08:00 04.11.2018
Braucht Geduld und Ausdauer: Stundenlang bewacht Michael Wienandt den Eingang beim Juwelier Mahlberg in der Lübecker Innenstadt. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Es ist ein windiger und lauter Ort, an dem Michael Wienandt arbeitet. Von morgens um zehn bis abends um sieben steht der 40-Jährige mehrere Tage die Woche vor der Eingangstür des Juweliers Mahlberg, Blickrichtung Holstentor, an der Hauptverkehrsachse in Lübeck, Ohrenstöpsel im Gehör wegen der Geräuschkulisse. Den Kunden öffnet er höflich die Tür. Nur die Schusswaffe, die unter seinem schwarzen Anzug hervorlugt, verrät, dass er kein normaler Mitarbeiter des Uhren- und Schmuckgeschäfts ist. Michael Wienandt hat eine Mission. Als Sicherheitsmitarbeiter passt er auf, dass niemand die teure Ware klaut.

Sicherheitsmitarbeiter signalisieren dem Kunden: Hier wird aufgepasst

„Wollen Sie etwas Spektakuläres hören oder die Wahrheit?“, fragt der 40-Jährige. Viele Menschen hätten die Vorstellung, wer in der Sicherheitsbranche arbeite, erlebe jeden Tag Dinge wie im Krimi. Ein Trugschluss, berichtet Wienandt. Seine Waffe habe er bisher glücklicherweise noch nicht ziehen müssen. „Mein täglich Brot ist oft eintönig.“ Stundenlang steht er an ein und demselben Fleck, beobachtet die Menschen, die an ihm vorbeischlendern. Wenn er nicht beim Juwelier Wache steht, trifft man ihn als „Doorman“ im Media Markt. Dort signalisiert er den Kunden: „Hier wird aufgepasst.“

Wenige Meter weiter steht seine Kollegin Bettina Bierschwall mit wachsamen Augen am Einlass der Musik- und Kongresshalle. An diesem Tag wird hoher Besuch erwartet, Bundespräsident Steinmeier hält eine Rede. Bevor die Besucher hineingelassen werden, müssen sie ihre Taschen öffnen. Bettina Bierschwall schaut, dass sich nichts Gefährliches darin befindet. „Wenn es losgeht, schaue ich auch im Saal, dass niemand stört“, erklärt die 45-Jährige ihr Aufgabengebiet. Acht Kollegen von der Sicherheitsfirma Magnum Security sind dort neben der Polizei im Einsatz.

Bevor es in den Konzertsaal der Musik- und Kongresshalle geht, checkt Bettina Bierschwall die Taschen der Besucher. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Seit der Zunahme terroristischer Anschläge in Deutschland befassen sich Sicherheitsdienstleister intensiver mit dem Schutz von Großveranstaltungen. Ein typisches Beispiel: Das Mitführen von Taschen und Rucksäcken lassen die Sicherheitsmitarbeiter oft nicht mehr zu. „Gefahrenszenarien haben bei unseren Sicherheitskonzepten von Großveranstaltungen einen höheren Stellenwert bekommen“, sagt Ralf Krakow, Geschäftsführer von Magnum Security.

Es sei ein breites Spektrum an Aufgaben, das seine 60 Mitarbeiter in Lübeck abdecken. Da wäre der Veranstaltungsschutz, etwa bei der Ü-30-Fete in der Disko, beim Sinfoniekonzert, während einer Wahlkampfveranstaltung, beim Public Viewing, auf der Abiparty.

Auch der Schutz von Eigentum gehört zum Portfolio. Die Kunden kommen nicht nur aus der Industrie und den öffentlichen Behörden. „Immer mehr Privatpersonen wollen ihr Eigentum mit Alarmsystemen absichern“, berichtet Krakow.

Neuer Geschäftsbereich von Security-Diensten: Die Bewachung von Flüchtlingsunterkünften

Auch die Sicherung von Flüchtlingsunterkünften habe sich seit 2015 als neuer Geschäftsbereich eröffnet, als immer mehr Menschen auf der Flucht in Lübeck untergebracht wurden. „Vor zwei Jahren gab es einen sehr starken Bedarf, das ist aber gerade rückläufig“, sagt Krakow.

Die Sicherheitsbranche boomt

Die Sicherheitsbranche wächst bundesweit: 2017 haben laut dem Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) Wach- und Sicherheitsdienste sowie Detektereien 8,51 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Zum Vergleich: 2014 waren es noch sechs Milliarden Euro. Die meisten Kunden kommen aus der Industrie (29 Prozent) und aus öffentlichen Behörden 23 Prozent. Privathaushalte machen nur 1,2 Prozent aus.

Immer mehr Anbieter gibt es in Deutschland. 4483 Wach- und Sicherheitsdienste waren 2017 registriert. 2014 waren es noch 3672. Beschäftigt waren in der Sicherheitsbranche 2017 257.790 Mitarbeiter, 2014 noch 207.886. Laut BDSW gibt es im Moment 12 000 offene Stellen in der Branche. 55 Prozent der Arbeitnehmer sind in nicht tarifgebundenen Betrieben tätig.

Für all diese Aufgaben braucht es qualifiziertes Personal. Doch das scheint zu fehlen. Die Zahl der offenen Stellen in der privaten Sicherheitsbranche sei bundesweit binnen eines Jahres um 1,4 Prozent gestiegen, sagt Harald Olschok, Geschäftsführer vom Bundesverband der Sicherheitswirtschaft. Fast 12 000 Stellen könnten sofort besetzt werden. „Die Aufträge sind da, doch unsere Unternehmen bekommen häufig kein geeignetes Personal“, so Olschok.

Der wachsenden Sicherheitsbranche fehlen die Mitarbeiter

Laut der Industrie- und Handelskammer gibt es in Schleswig-Holstein 184 registrierte Wach- und Sicherheitsdienste. 10 658 Mitarbeiter waren bei der letzten Erhebung 2016 in Schleswig-Holstein beschäftigt. Eine Ausbildung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit dauert zwei Jahre. Aber: „Viele Mitarbeiter machen den Job nur für den Übergang und sind auf 400-Euro-Basis angestellt“, berichtet Sicherheitsmitarbeiter Michael Wienandt. Er bildet viele neue Kollegen in Lübeck kurzfristig in einmonatigen Lehrgängen aus. Meist werde man dann nach Stunden bezahlt, zehn Euro seien üblich. Weil das nicht viel ist, gebe es starke Fluktuationen bei den Kollegen.

Saskia Bücker

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