Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Auktion: Das Erbe des Walter Ulbricht
Nachrichten Norddeutschland Auktion: Das Erbe des Walter Ulbricht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:10 18.10.2017
Beitragsmarken der Kommunistischen Partei Deutschland (KPD) im Mitgliedsausweis Walter Ulbrichts von 1945.
Hamburg

Nach seiner Rückkehr aus dem Moskauer Exil stellte Walter Ulbricht (1893-1973) die Weichen für einen „Arbeiter- und Bauernstaat“, die spätere DDR. Er selbst war von Anfang an einer der mächtigsten kommunistischen Funktionäre, die Deutschland nach sowjetischem Vorbild umgestalten sollten. Auf seiner Mitgliedskarte der 1946 gegründeten Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) gab er als Beruf allerdings nur „Parteiarbeiter“ an. Seine Frau Charlotte („Lotte“) wählte auf ihrer Mitgliedskarte die gleiche Berufsbezeichnung. Die Parteiausweise sind Teil des Nachlasses des Herrscherpaares, der am Sonnabend in Hamburg unter den Hammer kommt.

Auktionator Carsten Zeige hat sich mit der Versteigerung von Nachlässen bekannter Ost-Größen einen Namen gemacht. Persönliche Besitztümer von Willi Stoph, Erich Mielke und Alexander Schalck-Golodkowski machte er schon zu Geld. Am Sonnabend sucht in Hamburg Übriggebliebenes von Walter Ulbricht neue Liebhaber.

Die Auktion umfasst Ausweise, Dokumente und Briefe der Ulbrichts. Als Startpreis hat Auktionator Carsten Zeige für alle Einzelstücke zusammen eine Summe von 10000 Euro aufgerufen, er rechnet aber mit einem weit höheren Preis. Besonders Sammler von Ausweisen seien interessiert, sagt Zeige. „Die von bekannten Persönlichkeiten sind besonders reizvoll.“

Die Dokumente könnten aber auch für Historiker von Interesse sein. Das Familienstammbuch, die Heirats- und eine Scheidungsurkunde werfen Fragen auf. Demnach heirateten Charlotte Kühn und Walter Ulbricht im Jahr 1950. Ihren Nachnamen hatte Kühn aber schon 1946 mit Genehmigung des Polizeichefs von Sachsen in Ulbricht geändert. Zuvor war sie mit dem Parteifunktionär Erich Wendt verheiratet gewesen, der in der Sowjetunion unter Stalin in Ungnade gefallen war. Es gab aber noch einen weiteren Ehemann, den sie 1923 geheiratet hatte, und zwar Otto Schultchen. Eine Gerichtsurkunde im Nachlass belegt, dass dieser sich 1942 von Charlotte Schultchen, geb. Kühn, scheiden ließ. Grund: Sie sei nach Moskau ausgewandert.

Dort hatte die spätere First Lady der DDR schon 1938 gelernt, was es heißt, hinter einer „unübersteigbaren Mauer“ zu leben. So formulierte sie damals in einem Brief an den Generalsekretär der Kommunistischen Internationale, Georgi Dimitroff. Sie bettelte ihn um eine Beschäftigung an, denn auch sie war im Rahmen der stalinistischen Säuberungen kaltgestellt worden. „Da ich fast 20 Jahre ununterbrochen beruflich und politisch tätig bin und ausserdem weder Lust noch Talent zur Hausfrau habe, bedeutet dieser Zustand nicht nur geistigen Stillstand, d.h. Rückschritt, sondern auch schwere gesundheitliche Schädigung“, klagte sie laut Abschrift eines Briefes an den „lieben Genossen Dimitroff“.

Ihr Mann Walter fuhr unter den Russen besser. Ein Dokument zeigt, dass ihm die sowjetischen Behörden am 11. Mai 1945, also unmittelbar nach Kriegsende, die Erlaubnis erteilten, einen Opel Super 6 zu nutzen. Einen Freifahrtschein für die Reichsbahn hatte er auch. Doch der Ausweis sieht wenig benutzt aus. Etwas abgenutzter erscheint ein „Behelfsmäßiger Personalausweis“, ausgestellt am 1. März 1946 in Berlin. Das Passbild zeigt den damals 52-Jährigen mit Stirnglatze, dunklen Haaren und dem charakteristischen „Spitzbart“, in der Beschreibung heißt es: „Haarfarbe: blond, besondere Kennzeichen:

keine“. Ein Abdruck des rechten Zeigefingers sollte wohl die zweifelsfreie Identität garantieren.

Zusammen mit den Ulbricht-Urkunden kommen auch zahlreiche DDR-Orden, Uniformen und Auszeichnungen anderer Funktionäre unter den Hammer. Sie stammen aus einer Sammlung sowie dem Nachlass eines Generals. Auktionator Zeige versteigerte vor zehn Jahren bereits Nachlassobjekte des DDR-Staatsratsvorsitzenden Willi Stoph. Es folgten weitere Auktionen zu Stasi-Minister Erich Mielke und zuletzt Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski.

Sohn eines Schneiders

Walter Ulbricht (1893-1973) wuchs als Sohn eines Schneiders in Leipzig auf. Im Ersten Weltkrieg war er Soldat. Er war schon als junger Mann in der Sozialistischen Arbeiterbewegung und der KPD aktiv. Nach der Machtübernahme durch die Nazis ging er ins Exil und gründete in Moskau die „Gruppe Ulbricht“. 1945 kehrte er ins sowjetisch besetzte Berlin zurück, wo er sich dem Aufbau der sozialistischen DDR widmete, die er von Beginn an bis 1971 regierte.

LN

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Norddeutschland Streit über Baukosten für Anlieger - Wer bezahlt die Straße?

Die Debatte darüber, ob es gerecht ist, Bürger an Straßenausbaukosten zu beteiligen, nimmt neue Fahrt auf. Das Verwaltungsgericht Schleswig hatte einen Landwirt aus Lütjenburg (Kreis Plön) dazu verurteilt, den rekordverdächtigen Beitrag von 189 000 Euro an die Stadt zu zahlen.

20.10.2017

Die Ursache für das Absacken der Fahrbahn bleibt unbekannt. Unklar ist auch, wann die Strecke wieder befahrbar ist.

17.10.2017

Medikamententests an Heimkindern und psychisch Kranken im Landeskrankenhaus Schleswig haben möglicherweise weit größere Ausmaße als bisher angenommen. Betroffen sein könnten 3500 Personen, darunter 1000 Kinder und Jugendliche. Die Opfer werden finanziell entschädigt.

17.10.2017