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Norddeutschland Passat-Fans bangen um ihr Lieblingsmodell
Nachrichten Norddeutschland Passat-Fans bangen um ihr Lieblingsmodell
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22:00 07.11.2018
Der Klassiker unter den Familienautos: der VW Passat. Schon 1974 ließen sich Kunden beim Autohändler zum Modell beraten. Quelle: interfoto_rm
Emden/ Lübeck

Seit Jahrzehnten wird der Passat im ostfriesischen Volkswagen-Werk Emden gebaut. Damit könnte bald Schluss sein – zugunsten von Elektroautos. Liebhaber des soliden Mittelklassewagens finden das tragisch, klimabewusste Menschen begrüßen die Debatte.

Viel los in der Automobilbranche in Zeiten von Dieselkrise und E-Mobilität: Was Lübecker dazu sagen, dass der Passat vielleicht nicht mehr produziert wird.

Es ist eine überraschende Nachricht. Volkswagen will sich neu ausrichten und die Produktion in Niedersachsen umstellen. Laut Medienberichten von „HAZ“ und „Handelsblatt“ werde dafür die Produktion des Passat-Modells bis 2022 eingestellt. Stattdessen plane der Konzern den Standort Emden vermehrt für Elektroautos ein. Den Fokus auf E-Autos wolle ein Sprecher des VW-Werks in Emden zwar nicht bestätigen, meinte aber: „Das ist eine Option.“

Während Geländelimousinen boomen, sinkt die Nachfrage beim Passat

Geht eine Ära vorbei? Ob der Passat dem Bau neuer E-Autos weichen muss, ist noch offen. Klar ist aber: Die Nachfrage beim VW-Klassiker sinkt. Nicht zuletzt, weil SUV beliebter geworden sind. Das hat wiederholt zu Kurzarbeit geführt, in diesem Jahr bereits 19 Tage lang: Statt der ursprünglich anvisierten 251 000 Autos laufen dort bis Ende Dezember nur 229.000 Passat-Modelle vom Band. Vor zehn Jahren war jeder fünfte verkaufte VW ein Passat, heute ist es nur noch jeder zehnte.

VW plant einen Kurswechsel

Die Produktion der in Emden gebauten Kernmarke geht zurück. Statt 290 000 Neuwagen zur vollen Auslastung waren dieses Jahr nur noch 250.000 Autos geplant, es gab Kurzarbeit und Schließtage. Niedersachsens Regierungssprecherin Anke Pörksen hält sich zur Passat-Produktion bedeckt: „Wir sind zuversichtlich, dass auch diese Planungsrunde die niedersächsischen Standorte in angemessener Weise berücksichtigen wird.“

Was passiert mit dem Standort Emden? VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh hatte den VW-Vorstand bereits im Sommer aufgefordert, für eine Auslastung zu sorgen. „Wenn der Trend in Richtung Elektromobilität gehen würde, dann brauchen wir natürlich auch ein Elektroauto in Emden.“ Er fordert, den „Zukunftspakt“ einzuhalten – 290 000 Fahrzeuge im Jahr 2020.

Passat-Liebhaber in Lübeck sind schockiert. Joachim Eckert kann die mögliche Neuausrichtung von VW nicht verstehen. Der 75-Jährige fuhr bereits vor 20 Jahren mit einem grünen Passat durch die Stadt. „Das war das ideale Familienauto. Den ganzen Schnickschnack von heute braucht doch kein Mensch, das ist albern“, sagt er.

Ähnlich sieht das Robert Hermsdorf. Der 32-Jährige kann dem SUV-Trend nichts abgewinnen. „Warum müssen Autos immer größer werden?“, fragt er sich. Lange habe Hermsdorf in der Gastronomie gearbeitet und Getränkekisten mit dem Passat transportiert. „Im Passat ist genug Platz, kann man das Modell nicht einfach in einer E-Variante anbieten?“ Grundsätzlich finde er den Fokus auf E-Autos aber gut. Groß, sparsam im Verbrauch, schlicht: Deshalb nutzt Landschaftsgärtner Michael Demann seit zwanzig Jahren Passat-Modelle für seinen Betrieb. „Das wäre schon traurig, wenn das wegfällt. Mit einem Porsche will ich nicht zum Kunden fahren“, sagt der 48-Jährige.

Kultiger Wagen im deutschen Fernsehen: Tatort-Komissar Borowski (Axel Milberg) hatte es nicht leicht mit seinem schwächelnden Passat CL Kombi. Mit einem Gnadenschuss erlöste er den „Braunen“, Jahrgang 1984, in einer Folge im Jahr 2012 von seinen technischen Leiden. Quelle: B.Bischoff

Als Familienauto sei der dunkelblaue Passat praktisch gewesen, berichtet Anke Labinschus. „Zwei Kinder auf den Rücksitz, hinten alles reingeschmissen, das war ein schönes Auto“, erinnert sich die 62-Jährige. Ursula Kehl (80) erinnert sich: „1986 hab ich mir einen roten Passat gekauft, da war der Diesel noch steuerfrei. Mit dem bin ich als Kreistagsabgeordnete über die Dörfer im Kreis Segeberg gejuckelt.“ Dass der Passat womöglich E-Autos weichen soll,empfinde sie als keine überzeugende Strategie. Ehemann Klaus ergänzt: „Elektro ist die falsche Richtung, ich würde Wasserstoff und Gas bevorzugen.“

Kunden wandern ab: Große Konkurrenz zu günstigeren Autoherstellern

Fahrschullehrer Sven Schultze würde das Modell kaum vermissen. „Die VW-Palette ist so groß, da ist es nicht so gravierend, dass der Passat fehlt“, sagt der 47-Jährige. Schließlich gebe es ja noch den Kombi. Auch Alfred Haack (69) verzichtet gerne: „Ein Passat wäre so ziemlich das letzte, was ich mir kaufen würde.“ Die gleiche Ausstattung gebe es für weniger Geld bei anderen Anbietern.

Seit den 70ern düst der Passat schon über die Straßen. Quelle: Volkswagen AG

Trotz verschiedener Hersteller auf dem Markt hat sich der Mittelklassewagen von VW über Generationen hinweg behauptet. Die erste Generation wurde von 1973 bis 1980 gebaut, wahlweise mit 55 oder 75 PS. Inzwischen gibt es acht Modelle. Ob sie in den Ruhestand geschickt werden? Das wird der VW-Aufsichtsrat womöglich kommende Woche Freitag besiegeln, wenn „eine wichtige Entscheidung zum Standort Emden“ getroffen wird, verkündete ein Sprecher des VW-Werks.

Saskia Bücker

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