Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Handwerk im Norden boomt ohne Ende
Nachrichten Norddeutschland Handwerk im Norden boomt ohne Ende
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:59 15.09.2018
Peter Bode (r.), Geschäftsführer der Lübecker Firma Habotec, überprüft mit Jannis Witthohn (19), Azubi zum Elektroniker, einen Steuerschrank für ein Klimasystem. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck/Kiel

Mickrige Zinsen seit Jahren veranlassen die Deutschen mehr denn je dazu, jeden Cent Erspartes gleich wieder zu investieren, zum Beispiel in die eigenen vier Wände. Zu spüren bekommen das die Handwerker, deren Auftragsbücher aus allen Nähten platzen. Nach Angaben des Statistikamts Nord haben die Betriebe des Ausbaugewerbes in den ersten sechs Monaten des Jahres 25 Prozent mehr erwirtschaftet als im – schon starken – ersten Halbjahr 2017. Der Gesamtumsatz beläuft sich nun auf mehr als eine halbe Milliarde Euro. Zu berücksichtigen ist, dass sich die Zahl der statistisch erfassten Betriebe um 15 Prozent vergrößert hat.

Kunden müssen wochenlang warten

Die Zahl der Anfragen sei unglaublich hoch, berichtet Peter Bode, Ehren-Obermeister der Lübecker Elektro-Innung. „Die Kunden fragen schon gar nicht mehr, was es kostet.“ So etwas habe er in seinem gesamten Berufsleben noch nicht erlebt. „Selbst an Wochenenden rücken wir zu Kunden aus“, sagt Christina Wichelmann-Meyer, Obermeisterin der Maler-Innung Lübeck. Trotz allen Einsatzes müssten Kunden derzeit bei Auftragsvergabe mit einer Wartezeit von vier bis fünf Wochen rechnen. Eine hohe Nachfrage im Handwerk freue alle Betriebe, sagt Andreas Katschke, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Lübeck. „Es ermöglicht Investitionen und schafft Spielraum für wachstumsschwache Zeiten.“

Dreiviertel des Umsatzes entfielen laut Statistikamt auf den Bereich der Bauinstallationen. Dazu zählen die Elektro-, Gas-, Wasser-, Heizungs-, Lüftungs- und Klimainstallation. Sie legten beim Umsatz von Januar bis Juni um 18 Prozent gegenüber den ersten sechs Monaten des Vorjahres zu. Geradezu gigantische Zuwächse von 54 Prozent errechneten die Statistiker für Maler, Glaser, Tischler und Fliesenleger. Erst möglich wurden diese Zahlen durch einen erhöhten Personaleinsatz. Die Zahl der im schleswig-holsteinischen Ausbaugewerbe tätigen Personen stieg um 23 Prozent auf 11 100. Mit diesen Leuten konnten 6,9 Millionen Arbeitsstunden geleistet werden, das ist ein Fünftel mehr als im Vorjahreszeitraum.

Nachwuchsmangel als großes Problem

Doch die hohe Nachfrage macht die Branche nicht nur glücklich. Das große Problem nahezu aller Bauhandwerker sei der akute Nachwuchsmangel, sagt Peter Stamer, Obermeister der Lübecker Tischler-Innung. Die Zahl der jungen Menschen, die ein Handwerk lernen wollten, sei viel zu gering. „Es wird zu viel Anreiz zum Studieren gegeben.“ Goldene Zeiten sind es dagegen für Arbeitnehmer. „Der Fachkräftemangel führt zwangsläufig dazu, dass Mitarbeiter eine größere Auswahl haben und von Arbeitgebern umworben werden“, teilt Handwerkskammer-Chef Katschke mit. Auch Michael Schulze, Obermeister der Glaser-Innung Schleswig-Holstein, ist nicht nach grenzenlosem Jubel. Umsatz sei nicht gleich Gewinn. „Unsere Margen sind schlecht.“ Ausländische Billig-Anbieter drängten auf den Markt.

Die vollen Auftragsbücher des Handwerks sind nicht zuletzt auf die anhaltend hohe Bautätigkeit im privaten Sektor zurückzuführen. Die Zuwachsrate im Wohnungsbau lag bei neun Prozent. „Der Bau boomt nach wie vor, auch bei uns im Land“, sagt Georg Schareck, Hauptgeschäftsführer des Baugewerbeverbands Schleswig-Holstein. Im Hochbau warten Bauherren bei vorliegender Baugenehmigung vier bis sechs Monate, bis es endlich losgeht. Und das, obwohl die Zahl der geleisteten Überstunden in der Branche zuletzt um drei Prozent auf 7,7 Millionen anstieg.

Handwerk in Zahlen

254 900 Frauen und Männer arbeiten in Schleswig-Holstein und Hamburg in Handwerksbetrieben. Über die Hälfte davon ist im Baugewerbe beschäftigt. In Schleswig-Holstein gibt es nach Angaben des Statistikamts Nord die meisten Handwerksbetriebe im Kreis Pinneberg (11 Prozent) und in den Kreisen Segeberg und Rendsburg-Eckernförde (je 10).

Curd Tönnemann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Wenn andere sich ins Haus flüchten, wollen sie raus: Gewitterjäger sind von Unwettern gefesselt und sammeln Daten über Blitze und Wolkenhaufen. Eine Begegnung mit guten Freunden schlechten Wetters.

16.09.2018

Der Fall Maaßen schmälert das Vertrauen in die Politik. Schleswig-Holstein zeigt, wie man es besser macht.

15.09.2018

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) ist am Samstag vom Hamburger Flughafen mit einer Wirtschafts- und Wissenschafts-Delegation nach China aufgebrochen.

15.09.2018
Anzeige