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Auto gegen Rad — Krieg auf der Straße?

Lübeck Auto gegen Rad — Krieg auf der Straße?

Zwei- und Vierradfahrer geraten sich immer häufiger in die Haare. Experten sehen „Verteilungskämpfe“.

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Zwei, die sich oft Feind sind: Zwischen Radfahrern und Autofahrern kommt es immer wieder zu Spannungen und Gewalt.

Quelle: Fotos: Fotolia/maxwitat (3)

Lübeck. Dass sich Radfahrer und Autofahrer oft nicht grün sind, ist lange bekannt. Immer häufiger scheinen Konflikte aber auch in Gewalttätigkeiten zu eskalieren. Erst vorgestern griff ein Autofahrer in Stockelsdorf einen 69-jährigen Radler mit Faustschlägen an, nachdem der ihn lediglich darauf hingewiesen hatte, seinen BMW nicht auf dem Radweg abzustellen.

LN-Bild

Zwei- und Vierradfahrer geraten sich immer häufiger in die Haare. Experten sehen „Verteilungskämpfe“.

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Ebenfalls vorgestern sprach das Amtsgericht Hamburg einen 39-Jährigen schuldig, der aus ähnlich nichtigem Anlass einen Radfahrer regelrecht verdroschen hatte. Beide Fälle stehen exemplarisch für eine zunehmende Verrohung im Straßenverkehr, warnen Experten. Die Gräben sind offenbar tief, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts „Yougov“ ergab, insbesondere in den Städten: 38 Prozent der Radfahrer sind der Meinung, dass Autofahrer das größte Ärgernis für sie sind. 23 Prozent der Autofahrer in der Stadt sagen dasselbe über Radfahrer. Auf dem Land sind nur zwölf Prozent dieser Meinung.

Nach Ansicht von Carsten Massau, Landesgeschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) in Schleswig-Holstein, seien die merkbar gestiegenen Aggressionen ein Ausdruck von „Verteilungskämpfen“ um knapper werdenden Raum im Straßenverkehr. Die wenigsten Städte seien auf ein harmonisches Nebenher von Rad- und Autoverkehr ausgelegt. Beide Seiten würden somit Anspruch auf den gleichen öffentlichen Raum erheben — und sich dabei im Recht fühlen. „Leider herrscht dabei die Haltung vor, die Dinge oft nur aus der eigenen Warte zu beurteilen“, kritisiert Massau.

Diesen Schuh müssten sich Auto- und Radfahrer gleichermaßen anziehen. „Es ist sicher kein Geheimnis, dass Radfahrer auch nicht nur Engel sind.“ Die unter Radlern häufig vertretene Haltung, allein wegen der Wahl eines ökologisch einwandfreien und leisen Verkehrsmittels ein besserer Mensch zu sein, provoziere Autofahrer zuweilen. Umgekehrt seien aber auch Autofahrer im Unrecht, die die Auffassung verträten, Radler hätten auf ihrer Straße nichts verloren. „Aber wo sollen Radfahrer anders hin, wenn der Radweg nebenan eine einzige Buckelpiste ist“, fragt der ADFC-Chef.

Ulf Evert, Sprecher des ADAC und damit Vertreter der Kraftfahrzeug-Fraktion, sieht es ähnlich. „Bei immer mehr Verkehr auf immer maroderen Verkehrswegen kommt es zwangsläufig zu mehr Auseinandersetzungen.“ Als „stärkere“ Verkehrsteilnehmer seien Autofahrer aber mehr in der Pflicht, auf „schwächere“ Radfahrer Rücksicht zu nehmen. Gleiches gelte im Verhältnis zwischen Radfahrern und Fußgängern. Aber auch dort gebe es Spannungen, „weil die Verkehrsmoral leider insgesamt sinkt“, kritisiert Evert.

Der Verkehrssicherheitsbericht der Landespolizei bestätigt das: Typische „Aggressionsdelikte“ nahmen 2015 deutlich zu. Missachtung der Vorfahrt als Unfallursache stieg um 9,4 Prozent an, Fehler beim Überholen um 14,8 Prozent, nicht angepasste Geschwindigkeit um 6,6 Prozent. Auch Unfallfluchten werden häufiger — um acht Prozent auf knapp 19000 Taten. In Lübeck betrug die Steigerungsrate sogar mehr als zehn Prozent.

Dabei seien „Autofahrer und Radfahrer zwei Autonome im urbanen Raum, die sich bekriegen“, stellt der Verkehrssoziologe Alfred Fuhr fest. Während Radfahrer dazu neigten, den „Verkehrsraum so optimal wie möglich auszunutzen“ und Regeln dabei großzügig auslegten, sei das Freiheitsgefühl im Auto ein anderes: Dort sei man Herr über PS und Straße und von 1500 Kilo Stahl geschützt. Allein um seiner selbst Willen müsste man daher keine Rücksicht auf Radfahrer nehmen. Andrea Häußler, Verkehrspsychologin beim Tüv Süd, warnt indes vor Stigmatisierung beider Parteien. Radfahrer seien schließlich oft auch Autofahrer und umgekehrt. Die Persönlichkeit wechsele aber mit dem Verkehrsmittel. Und dabei neigten viele dazu, ihre jeweilige Rolle voll auszuleben. Rücksicht auf andere könne aber nur nehmen, „wer seine Rolle hinterfragt und sich von seinen eigenen Interessen distanziert“.

Radunfälle im Norden

4173 Fahrradunfälle wurden 2015 in Schleswig-Holstein gezählt. Das waren zwar geringfügig weniger als 2014 (4224) — aber immer noch deutlich mehr als im Jahr 2013 (3693). Vor allem für Lübeck gibt es dabei keine Entwarnung. In der Hansestadt stieg die Zahl der Fahrradunfälle um fünf Prozent von 885 auf 924 an.

4204 Menschen verunglückten landesweit bei Unfällen mit dem Rad — 46 weniger als 2014, 529 mehr als 2013. In Lübeck wurden 926 Radfahrer verletzt oder getötet. Ein Plus von 34.

Von Oliver Vogt

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