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Norddeutschland Behinderte Schüler im Norden werden zu wenig gefördert
Nachrichten Norddeutschland Behinderte Schüler im Norden werden zu wenig gefördert
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22:30 29.08.2013
Schleswig-Holstein hat zu wenig Sonderschullehrer. Quelle: dpa

Es gibt in der Bildungspolitik nur wenige Disziplinen, in denen Schleswig-Holstein vorn liegt. Die Inklusion zum Beispiel. Über 60 Prozent aller lernbehinderten oder anders gehandicapten Kinder werden schon in Regelschulen unterrichtet. Darauf war man immer stolz im Kieler Bildungsministerium. Jetzt kommt heraus: Die Quote ist mit einer Minimal-Förderung der einzelnen Kinder erkauft.

„Die Inklusion wird vor die Wand gefahren", warnt Angela Ehlers, Vorsitzende des Verbands Sonderpädagogik in Schleswig- Holstein, Ex-Schulleiterin und Schulrätin in Steinburg und seit 2010 Referatsleiterin für Inklusion in Hamburg. Allein um mit dem dortigen Standard mitzuhalten, müsse die Zahl der Sonderschullehrer von 860 auf 2580 verdreifacht werden. Denn während in Hamburg pro Förderkind und Woche 3,5 Unterrichtsstunden durch eine Sonderschullehrkraft zur Verfügung stünden, seien es in Schleswig-Holstein gerade mal 1,2. Hat eine Grundschulklasse drei Förderkinder, kommt also allenfalls für 3,6 Unterrichtsstunden pro Woche eine Sonderschullehrkraft dazu, ansonsten ist die Grundschulkollegin allein. In Hamburg bekäme sie 10,5 Stunden Unterstützung, fast die Hälfte der Gesamt-Unterrichtszeit.

Von einem „unbefriedigenden Zustand“ spricht auch Thomas Schunck vom Kieler Bildungsministerium. Dass man in eigenen Berechnungen auf einen Schnitt von 1,6 Förderstunden für jedes der 14 700 Förderkinder komme, mache die Sache nicht besser, im Bundesvergleich hinke man hinterher.

Die Folgen vor Ort sind deutlich zu spüren, berichtet Angela Ehlers. Sonderschullehrer seien oft tief frustriert, hetzten stundenweise von Regelschule zu Regelschule, könnten ihren Schülern kaum noch gerecht werden. Die Lehrer an den Regelschulen fühlten sich mit den Förderschülern allein gelassen. Immer mehr Kollegen würden nach Hamburg abwandern, freie Stellen könnten schon jetzt nicht mehr wiederbesetzt werden, was die Lage im Norden weiter verschärfe. Leidtragende seien die Förderkinder. Das fürchtet auch Ulrich Hase, Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung. „Ohne Erweiterung der Ressourcen geht es nicht“, sagt Hase. Dass das Land nicht unbegrenzt Geld in die Schulen geben könne, sei klar. Dann aber müsse man Zwischenlösungen suchen, zum Beispiel über Schwerpunkt-Regelschulen nachdenken, an denen Kinder mit Förderbedarf zusammengefasst werden. So ließe sich Personal besser einsetzen.

Die Lehrergewerkschaft GEW hat von der SPD-Grünen-SSW-Regierung kürzlich mindestens 1000 zusätzliche Lehrerstellen gefordert. Auch für Angela Ehlers ist es blauäugig, wenn Kiel meine, ohne zusätzliches Personal auszukommen. Früher habe man in einem Förderzentrum zwölf Kinder pro Klasse unterrichtet. Das kostete 25 Lehrerstunden. Wenn man die Kinder nun auf verschiedene Regelschulen aufteile, sei doch klar, dass die Zahl der Förderstunden pro Kind deutlich sinke. Das müsse die Politik ausgleichen.

Im Ministerium beteuert man, an Lösungen zu arbeiten: Die Lehrerbildung soll neu aufgestellt, Mittel für Eingliederungshilfe, Ganztagsbetreuung, Schulsozialarbeit und Sonderpädagogik sollen gebündelt werden. Mittlerweile wächst aber auch aus den Regierungsfraktionen der Druck auf Ministerin Wara Wende, endlich Ergebnisse vorzulegen. In der Koalition hat zudem der Kampf um die Zensus- Millionen begonnen. Bildungspolitiker setzen darauf, einen guten Teil davon in die Inklusion lenken zu können. Ansonsten, so heißt es, drohe die Stimmung an den Schulen endgültig zu kippen.

W. Hammer

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