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Norddeutschland Beitragsschock: Privatpatienten wollen Kasse wechseln
Nachrichten Norddeutschland Beitragsschock: Privatpatienten wollen Kasse wechseln
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22:30 10.10.2016
Angesichts drastisch steigender Beiträge in der Privaten Krankenversicherung versuchen offenbar Tausende Privatpatienten in die günstigere Gesetzliche Krankenversicherung zu wechseln. Quelle: Dessauer/Fotolia
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Kiel

Der Beitragsschock und seine Folgen: Angesichts drastisch steigender Beiträge in der Privaten Krankenversicherung versuchen offenbar Tausende Privatpatienten in die günstigere Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zu wechseln. „Wir haben seit einigen Tagen verstärkt Nachfragen von Privatversicherten, die in die Gesetzliche Kasse zurück wollen“, so Jens Kuschel, Sprecher der AOK Nordwest. Doch so einfach ist das nicht – weil der Gesetzgeber für eine Rückkehr hohe Hürden gesetzt hat.

Rund zwei Dritteln der knapp neun Millionen Privatversicherten in Deutschland flattert in diesen Wochen unerfreuliche Post ins Haus. Ihre Beiträge steigen im Schnitt um elf Prozent, in besonders krassen Fällen verdoppeln sie sich sogar. Vor allem die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) sei für die Kostensteigerungen verantwortlich, erklärt der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV). „Ohne die Auswirkungen der Niedrigzinsen wäre die Beitragsentwicklung unauffällig“, sagt PKV-Direktor Volker Leienbach. Hintergrund: Rücklagen werden am Kapitalmarkt verzinst – derzeit werfen sie keinen Ertrag mehr ab.

Kündigung möglich

9 Millionen Bundesbürger sind privat krankenversichert. Dafür müssen sie selbstständig sein oder ihr Einkommen muss oberhalb der Pflichtgrenze von monatlich 4687,50 Euro liegen. Hinzu kommen Beamte, Richter und andere Personen mit Anspruch auf Beihilfe. Wer von seiner privaten Krankenversicherung über eine Beitragserhöhung informiert wird, kann seinen Vertrag innerhalb von zwei Monaten kündigen. Er muss in dieser Zeit den Nachweis über eine neue Versicherung erbringen.

Aus der PKV herauszukommen, ist allerdings schwer. Wer älter als 55 Jahre ist, hat praktisch keinen Weg mehr zurück in die Gesetzliche Krankenversicherung. Es bleibt den gebeutelten Versicherten der Wechsel zu einer vermeintlich günstigeren Privatversicherung. Verbraucherverbände mahnen aber zur Vorsicht: Bei Alttarifen (vor 2009) gehen Altersrückstellungen verloren. Betagtere Versicherte müssen mit Risikozuschlägen rechnen. „Wir raten zu einem Tarifwechsel innerhalb einer Versicherung“, sagt Michael Herte, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. „Wir erleben allerdings, dass sich Versicherungen dabei ziemlich anstellen.“

Für Kritiker ist die Entwicklung ein Grund mehr, die Private Krankenversicherung abzuschaffen. Gesundheitsministerin Kristin Alheit (SPD) sagt, die enorm steigenden Beiträge zeigten, dass das Geschäftsmodell der Privaten Kassen unter Druck gerät. „Das Nebeneinander von Privaten und Gesetzlichen macht immer weniger Sinn. Deshalb brauchen wir eine Bürgerversicherung.“ Die CDU-Fraktion sieht das anders. „Elf Prozent auf einen Schlag sind viel“, räumt Karsten Jasper ein. Allerdings dürften private Krankenversicherungen nicht wie die GKV ihre Beiträge jährlich den Kostenentwicklungen anpassen. „Deswegen fordern wir die SPD auf, eine jährliche Beitragsanpassung bei der PKV nicht länger zu blockieren.“

Curd Tönnemann

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