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Norddeutschland Vom Aussterben bedroht
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16:34 06.10.2018
Zwei Schleswiger Stuten und ein Fohlen galoppieren auf einer Weide bei Silberstedt. Quelle: Wolfgang Maxwitat
Silberstedt

Viele Hengste würden wohl gerne mit „Voldevraaer“ tauschen: Er steht auf einer saftigen Weide bei Silberstedt (Kreis Schleswig-Flensburg), Stute „Justitia“ dient ihm als Partnerin. Unbeschwert galoppieren sie herum, grasen nach Herzenslust. „Voldevraaer“ ist ein Bild von einem Hengst, muskulös, mit langer, welliger Mähne und breiter Brust. Er soll vor allem eins: sich fortpflanzen. Das ist auch wirklich nötig. Denn das maskuline Schleswiger Kaltblut ist eines der letzten seiner Art.

Besitzer Bernd Hansen (65) steht vor der Koppel und blickt mit Wohlgefallen auf den stattlichen Vierbeiner. „Vor zehn Jahren war der Kaltblut-Bundessieger“, bemerkt er. Insgesamt drei Schleswiger Kaltblut-Hengste nennt Hansen sein eigen, dazu 15 Stuten. Damit ist er der größte Züchter in Schleswig-Holstein.

Gefragt für Hochzeitskutschen

Kein Kunststück: Mit dem Kaltblut geht es abwärts. Es werden immer weniger, kaum jemand züchtet die schwere Rasse noch in großem Stil. „Waren 1949 noch 25 000 Stuten und 450 Hengste eingetragen, haben wir heute noch höchstens 170 eingetragene Stuten und 20 Hengste“, sagt Bernd Röbbel (58), Vorsitzender des Vereins Schleswiger Pferdezüchter. „In Schleswig-Holstein gibt es noch 100 Stuten und 16 Hengste, die meisten davon im Landesteil Schleswig. Die übrigen Tiere leben in anderen Bundesländern und in Dänemark.“ Damit hat das traditionsreiche Schleswiger Kaltblut seinen Platz auf der Roten Liste gefährdeter Nutztierrassen.

Die seltene Rasse wird in Silberstedt (Kreis Schleswig-Flensburg) gezüchtet

Züchter wie Bernd Hansen wissen warum. In der Landwirtschaft sind die genügsamen Kaltblüter längst überflüssig geworden, und Geld lässt sich mit der Haltung der Nutztiere auch kaum verdienen. Der Name bezieht sich im übrigen auf das ruhige Temperament der Tiere, nicht auf ihre Körpertemperatur.

Urlaub macht Pferdehalter Hansen, der hauptberuflich Versicherungsagent ist, so gut wie nie. „Ich fahre lieber mal auf einen Wettbewerb, das macht mir mehr Spaß und da sieht man auch mal was anderes.“ Auch sonst lässt er keine Gelegenheit aus, mit den Kaltblütern zu arbeiten. „Wir spannen sie vor die Kutsche und fahren Hochzeitspaare oder begleiten Umzüge“, sagt er, gelegentlich würden sie auch für Ackerarbeiten vermietet. Sogar für Filmaufnahmen wurden die Kaltblüter schon angefordert. Natürlich verkaufe er auch immer wieder mal ein Tier. Der Wert aber sei nicht hoch. „500 Euro. Das ist der Schlachtwert.“ Teurer werde es allerdings, wenn das Pferd zugeritten oder bereits für die Kutsche ausgebildet sei. Das alles bringe ein wenig Geld, meint Hansen, sei aber kaum kostendeckend. „Mein Ziel ist die schwarze Null.“

Eine Stute und sechs Ferkel als Erbe

Seinen ersten Kaltblüter bekam er als junger Mann von seinem Vater. „Mein Vater war Landwirt, ich bin mit Pferden groß geworden“, erinnert er sich. „Wir hatten Norweger, mit denen wir als Kinder Kartoffeln und Rüben hackten und vom Feld holten.“ Als der Vater sein Erbe an die beiden Söhne übergab, stand fest, dass der Hof wohl nur einen würde ernähren können. „Da hat mein Bruder den Hof übernommen“, sagt Hansen. „Ich bekam die 1,5 Hektar große Hauskoppel und das Elternhaus meiner Mutter, in dem ich bis heute lebe.“ Darüber hinaus durfte er sich ein Pferd aussuchen. „Ich hatte die Wahl zwischen einer Schleswiger Stute und einem etwas leichteren Oldenburger.“ Hansen nahm das Schleswiger Kaltblut. „Weil es weniger wert war, bekam ich acht Sauferkel dazu.“

Das anspruchslose Kaltblut machte Hansen wenig Arbeit, aber viel Freude. Er beschloss, die Stute decken zu lassen, sie bekam ein Fohlen. Der Anfang der Zucht. „Ich habe nach und nach Land für die Pferdehaltung zugekauft, inzwischen sind es 27 Hektar.“ Die Pferde bereichern sein Leben. Einmal, erzählt Hansen, habe er ein Pferdegespann an den Hamburger Tierpark Hagenbeck verkauft. „Die wollten die Pferde aber zunächst acht Tage auf Probe.“ Nach drei Tagen schon habe der Tierpark angerufen und bestätigt: „Sie können ihr Geld holen. Wir behalten die Pferde.“ Hansen grinst. „Da war der Tiger ans Gitter gesprungen, als das Gespann vorbeifuhr und die Schleswiger haben nicht mal gezuckt.“ Die Gutmütigkeit und Verlässlichkeit der Rasse sei sprichwörtlich.

Kutschen für die Kaltblüter

Wer Schleswiger hat, fährt auch Kutsche. Hansen hat eine ganze Sammlung. In einer Halle im Dorf bewahrt er alte Schätze – darunter eine historische Begräbniskutsche, einen Viehwagen aus Ostpreußen, der die Flucht überstanden hat, einen alten Jagdwagen und einen friesischen „Siamesen“ mit zwei Sitzbänken. An diesem Tag aber holt Hansen seinen geräumigen Landauer aus der Halle, der gerne für Hochzeiten gemietet wird. Hansens Tochter Anna (29) hilft beim Anspannen. Sie hat die Leidenschaft für die Kaltblüter geerbt. „Ich bin damit groß geworden“, sagt sie. Und wie ihr Vater will auch sie sich der Erhaltung der Rasse widmen. Zum Glück für die Pferde. „Los “, ruft Hansen und lässt die Zügel locker. Die Schleswiger traben an, die Hufe klappern auf der Straße, durch das Dorf. Passanten bleiben stehen, Türen öffnen sich. Alle wollen die Kutsche sehen – und lächeln, als sie vorbeifährt.

Die Rasse

Das Schleswiger Kaltblut hat ein Stockmaß von etwa 160 Zentimetern und wiegt rund 800 Kilo. Es wurde seit Anfang des 20. Jahrhunderts hauptsächlich als Arbeitspferd für den Einsatz in der Land- und Holzwirtschaft gezüchtet. Es diente aber auch als Zugpferd für pferdebespannte Omnibusse, in der Industrie, beim Militär und als Brauereipferd. Heute werden die Kaltblüter als Wagen- und Freizeitreitpferde genutzt, manchmal auch wieder in der Landwirtschaft und als Holzrückepferde in der Forstwirtschaft und in Baumschulen.

Die Rasse geht zurück auf den Mitte des 19. Jahrhunderts geborenen Suffolk- oder Shire-Hengst „Oppenheim“, der 1862 aus England importiert wurde. Im Jahre 1888 beschloss der damalige Zuchtverband des Landes Schleswig-Holstein die Trennung der Zucht von Warm- und Kaltblutpferden. Der Verband der Schleswiger Pferdezuchtvereine entstand 1891 als Vereinigung verschiedener Kaltblutzuchtvereine in Schleswig-Holstein. Das Brandzeichen besteht aus einem Oval, in dem die Buchstaben „VSP“ stehen. Die Tiere tragen es auf dem Oberschenkel des rechten Hinterbeines.

Mitte der 1970er Jahre war der ehemals 20 000 Tiere umfassende Bestand auf nur noch 40 Pferde geschrumpft. 1988 und 1996 wurde das Schleswiger Kaltblut von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) zur „Gefährdeten Nutztierrasse des Jahres“ erklärt.

Der Verein Schleswiger Pferdezüchter e. V. (VSP) wurde im Jahr 1991 mit dem Ziel der Pflege und Erhaltung des Schleswiger Kaltblutpferdes gegründet. Heute hat der Verein ca. 200 Mitglieder. Infos: http://www.schleswiger-kaltblut.de/

Marcus Stöcklin

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