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19:37 27.10.2018
Von zu Hause oder von unterwegs: Fast jeder shoppt heute online – auch immer mehr Ältere. Quelle: fotolia
Lübeck

Was in Sachen Online-Shopping tatsächlich jeden Tag für uns unsichtbar im Web los ist, wird sichtbar, wenn man vor die Tür schaut. Morgens, mittag oder abends: Irgendwann und irgendwo im Viertel trifft man den freundlichen Paketfahrer mit der gelben Uniform doch immer. Manchmal auch morgens, mittags und abends – und auch noch zwischendurch.

Insgesamt wurden im Jahr 2017 gut 3,35 Millionen Pakete versandt. Gut die Hälfte rechnet der Bundesverband Paket und Expresslogistik in Berlin dem Onlineversandhandel zu, sagt Sprecherin Elena Marcus-Engelhardt. „Das ist auch der Markt mit den prozentual höheren Zuwachsraten.“ Bis 2022 erwartet der Verband noch einmal eine Steigerung des Gesamtaufkommens um eine Milliarde auf 4,3 Milliarden Pakete.

Paketbranche fordert eigene Zonen für Lieferfahrzeuge

Online einzukaufen sei fester Teil des täglichen Lebens, der digitalisierten Gesellschaft. Das stelle auch die Kommunen vor ganz neue Herausforderungen, sagt Marcus-Engelhardt. Immer mehr Menschen drängen in die Städte; und mit den Menschen kommen die Pakete. Gleichzeitig werden freie Flächen zur Mangelware. „Schon jetzt gibt es viel zu wenige Ladezonen in den Städten, die Fahrer müssen in zweiter Reihe parken. Deshalb fordern wir die Ausweisung eigener Zonen mit einem eigenen Verkehrszeichen wie es Taxistände zum Beispiel haben“, sagt Marcus-Engelhardt.

Pakete, Pakete, Pakete. Und es werden immer mehr. Quelle: dpa

Das Thema umweltfreundliche Zustellung per Lastenrad sei ebenfalls ein großes Thema. Doch auch dafür werden spezielle Flächen benötigt. „Leider fehlt vielen Kommunen für solche Themen aber noch das Bewusstsein.“ Dabei gehöre es heute auch zu einer modernen, lebenswerten Stadt, dass die Menschen ihre bestellten Waren schnell und unkompliziert geliefert bekommen.

Mit dem Smartphone haben wir das Internet immer dabei

Gut 63 Millionen Deutsche, etwa 90 Prozent aller Erwachsenen über 14 Jahre, nutzen regelmäßig das Internet, über 50 Millionen Menschen kaufen schon jetzt regelmäßig online ein – Kleidung, Unterhaltungselektronik, Spielwaren, Bücher. Und es werden immer mehr, sagt Professor Dr. Gerrit Heinemann, E-Commerce-Experte und Leiter des eWeb Research Centers der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach.

Prof. Dr. Gerrit Heinemann, E-Commerce-Experte und Leiter des eWeb Research Centers der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Quelle: privat

Eine immer größere Rolle beim Online-Einkauf spielt das Smartphone und entsprechende, komfortabel zu bedienende Apps, sagt Heinemann. 85 Prozent aller Deutschen über 14 Jahre besitzen mittlerweile ein Smartphone. „Sie alle haben damit das Internet immer und überall dabei – auch während des stationären Einkaufs und können so zum Beispiel Preise direkt vergleich“, sagt Heinemann. Darauf müsse sich der stationäre Handel einstellen.

Wenn aber die Digitalisierung an der Ladentür aufhöre – zum Beispiel in Form von Störsendern –, komme das einem Kundenverbot gleich, sagt der Experte. „Leider ist das aber heute die Realität.“ Dabei gehen schon jetzt 11,2 Prozent der Käufe im Geschäft eine Online-Information mit dem Smartphone voraus.

Der Daumen bezahlt – das kann auch eine Gefahr sein

Über Smartphone-Apps, die das Einkaufen noch komfortabler machen als im Onlineshop, kommen bereits ein Drittel der Bestellungen. Auch hier ist – wie im gesamten Onlinehandel – die Plattform Amazon führend, sagt Heinemann. Von überall und jederzeit kann der Kunde seine Waren suchen und bestellen, alle relevanten Daten zu Bezahlung, Rechnung und Lieferung sind bereits hinterlegt. „Der Daumen bezahlt – in Sekundenschnelle“, sagt Heinemann.

Dass dies für einige Menschen auch ein Problem sein kann, erfahren Renate Wolff und ihre Kollegen von der Schuldner- und Insolvenzberatung der Gemeindediakonie Lübeck in ihrer täglichen Arbeit. Immer häufiger suchen Menschen dort Rat, weil sie durch Onlinekäufe in die Schuldenfalle geraten sind. „Im Netz bin ich erst einmal anonym, muss zudem nicht sofort und nicht aktiv bezahlen – da ist die Schwelle wesentlich niedriger als im Laden. Alles ist verfügbar, überall gibt es die Möglichkeit des Ratenkaufs“, sagt Renate Wolff. Das sei verlockend – und führe dann häufig zu unüberlegten Impulskäufen. „Es ist ja nur ein Klick.“ Mittlerweile sei das Thema auch ein sehr wichtiges in der Präventionsarbeit mit jungen Menschen.

Click & Collect: Online bestellen, im Laden abholen

Mareike Petersen, Geschäftsführerin des Handelsverbands Nord in Kiel, hat in dieser aufgeregten Zeit um den Onlinehandel aber auch schon eine gewisse Rückbesinnung auf Althergebrachtes ausgemacht. „Die Menschen haben wieder mehr Lust in die Läden zu gehen, die Waren anzufassen, zu riechen, anzuprobieren.“ Alles das, was sie zu Hause am Bildschirm nicht können. Auch der sogenannte hybride Einkauf gewinnt immer mehr, weiß Prof. Heinemann. Heißt: Der Kunde bereitet seinen stationären Einkauf im Internet vor. „Der Tag wird kommen, wo alle Kunden, die stationär kaufen, vorher im Internet geschaut haben.“

Die Märkte in Zahlen

513 Milliarden Euro hat der Einzelhandel 2017 insgesamt umgesetzt. Das berichtet der Handelsverband Deutschland (HDE) in Berlin. Der Online-Anteil lag bei 9,5 Prozent (gut 50 Milliarden Euro). Ein Grund für den – angesichts enormer Zuwachsraten – auf den ersten Blick geringen Marktanteil: Allein fast die Hälfte des stationären Handels fällt auf den Lebensmittelbereich (42,5 Prozent). Online hält dieser nur ein Prozent. „Da ist noch sehr viel Potenzial“ , sagt Stefan Hertel vom HDE. In Sachen Dynamik schlägt der Onlinehandel den stationären klar: Das für 2018 prognostizierte Wachstum liegt bei etwa zehn Prozent im Gegensatz zu 1,2 Prozent im stationären Handel.

Wachstumsimpulse setzen zurzeit vor allem Online-Shopper jenseits der 60. Ihr Anteil wird immer größer, 2017 kauften 6,7 Millionen Menschen über 60 regelmäßig online ein. Das enspricht einem Wachstum von 44 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch die Plattform Amazon Marketplace, wo stationäre Händler ihre Waren anbieten, setzt Impulse. Laut HDE wachsen stationäre Händler online aktuell sogar mehr als solche mit originärer Online-DNA.

Bekleidung und Unterhaltungselektronik macht zusammen etwa zu gleichen Anteilen die Hälfte des Online-Umsatzes aus. Dabei gibt es Geschlechter-Unterschiede im Einkaufsverhalten: Frauen sind beim Bekleidungskauf vorn, Männer bei der Elektronik. Frauen kaufen eher über Multichannel-Anbieter (Online, Telefon, Katalog) ein, bei Amazon sind Männer häufiger vertreten.

1227 Euro hat jeder Online-Shopper (64,8 Millionen Menschen über 14 Jahre) 2017 im Schnitt für Non-Food-Artikel ausgegeben (Food: 47 Euro). Es gibt aber regionale Unterschiede: In Hamburg geben die Menschen beim Online-Shopping bundesweit am meisten aus, am wenigsten in Mecklenburg-Vorpommern.

Mehr dazu im aktuellen Bericht des HDE unter www.einzelhandel.de/online-monitor

Modelle wie „Click & Collect“ seien beliebt, bestätigt auch Stefan Hertel vom Handeslverband Deutschland (HDE). Dabei bestellt der Kunde seine Waren online und holt sie später ganz unkompliziert in der Filiale ab. Immer häufiger verschwimmen die Grenzen zwischen Online- und stationärem Handel. Hertel glaubt: Diese Verbindung ist der Trend der Zukunft. „Originäre Onlinehändler wie mymuesli.de haben mittlerweile sogar schon eigene Läden.“

Heinemann appelliert indes an den traditionellen Handel, sich den gewachsenen Ansprüchen der Kunden noch mehr zu öffnen. Die vergangenen 20 Jahre habe man den großen Plattformen wie Amazon und Zalando, die nach wie vor enorm wachsen, kampflos das Feld überlassen, nun drängten auch noch zunehmend die Chinesen mit Plattformen wie zum Beispiel Alibaba mit der Shopping-App „Aliexpress“ in den Markt. Die Großen müssten ihre Chance jetzt nutzen, sagt Heinemann. Die Zeit dränge.

Vor allem die kleinen Geschäfte müssen kämpfen

„Wer in dieser zunehmenden Digitalisierung, die durch die Branche tobt, aber verliert, sind vor allem die kleinen Geschäfte“, sagt Hertel. Doch auch die können etwas unternehmen, sagt Stefan Neumann, Mitinhaber der Lübecker Onlinemarketing-Agentur Resulted. Sicherlich sei es nicht für jedes Geschäft die Lösung, seine Waren online zu verkaufen. „Aber sich und seine Stärken im Netz zeigen, eine digitale Spur hinterlassen, das kann jeder“, sagt er. Ein aktiv geführter Auftritt bei Facebook, ein Erklärvideo auf Youtube – „die Plattformen sind da und vielfältig“. Eine „digitale Allergie“ könne sich heute kein Händler mehr leisten.

Besonders gute Beratung, Lieferservice, attraktive Öffnungszeiten: Man müsse dem Kunden zudem offensiv zeigen, dass es sich für ihn lohnt, zum Einkaufen in die Stadt zu kommen. Sein Verhalten habe sich aufgrund der ständigen Verfügbarkeit von Waren im Netz verändert. „Er ist anspruchsvoll, will sich wohlfühlen, Erlebnis und kompetente Beratung.“ Das alles bekommt er im Netz in der Regel nicht.

Und auch da gefällt ihm nicht alles, betont E-Commerce-Experte Heinemann. Auf Gimmicks oder personalisierter Push-Werbung, die versuchen, sein Kaufverhalten zu beeinflussen, hat er überhaupt keine Lust. „Der Kunde von heute möchte selbstbestimmt im Netz unterwegs sein.“

Christina Schönfeld

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