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Norddeutschland Ärzte und Kassen kämpfen für Zuckersteuer
Nachrichten Norddeutschland Ärzte und Kassen kämpfen für Zuckersteuer
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00:00 30.09.2018
Rote Limonade und ein Energy-Drink: Der Zuckergehalt in jedem Glas entspricht mehreren Stücken Würfelzucker. Quelle: dpa
Lübeck

Die Debatte spitzt sich zu: Ein Bündnis aus mehr als 2000 Ärzten, Fachorganisationen und Krankenkassen fordert die Einführung einer Zuckersteuer auf süße Getränke. Es brauche eines Anreizes für Hersteller, den Zuckergehalt in ihren Produkten zu senken. Zucker sei verantwortlich für viele Krankheiten. Unterdessen hat die Industrie reagiert und bietet auf freiwilliger Basis zuckerreduzierte Artikel an. Die Politik in Berlin und Kiel sträubt sich gegen eine Zuckersteuer. In mehreren europäischen Staaten ist sie längst Praxis.

Mediziner verlieren die Geduld

„Wir haben einfach keine Geduld mehr“, sagt Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Die Gesundheit der Menschen in Deutschland leide drastisch. Von einer „Adipositas-Epidemie“ ist die Rede, einer Ausbreitung von Fettleibigkeit, die ungezügelt voranschreitet. Ein breites Bündnis aus 15 Ärzteverbänden, Krankenkassen, Deutscher Diabetes-Gesellschaft und der Verbraucherorganisation Foodwatch und weiteren Verbänden fordert in einem Offenen Brief an die Bundesregierung eine Limo-Steuer nach britischem Vorbild. Dort müssen Hersteller seit April eine Abgabe für Getränke bezahlen, die mehr als 50 Gramm Zucker je Liter enthalten. Bei mehr als 80 Gramm wird eine höhere Abgabe fällig. Zu den Unterzeichnern zählen 1300 Kinder- und Jugendärzte, mehr als 200 Diabetologen und 58 Medizin-Professoren. AOK und Techniker Krankenkasse unterstützen den Vorstoß.

Unternehmen reagieren bereits

„Lidl oder Coca Cola haben den Zuckergehalt ihrer Getränke deutlich gesenkt“, freut sich Foodwatch-Sprecher Dario Sarmadi über einen ersten Erfolg. Foodwatch fordert, die an Kinder gerichtete Lebensmittelwerbung zu beschränken, verbindliche Standards für Kita- und Schulverpflegung zu erlassen und die Industrie durch Steueranreize dazu zu bewegen, gesündere Rezepturen zu entwickeln.

Prof. Christian Sina, Ernährungswissenschaftler am Universitätsklinikum (UKSH) in Lübeck, plädiert für einen Mittelweg. „Wir werden es nur gemeinsam mit der Wirtschaft schaffen, das Problem der Fettleibigkeit in den Griff zu bekommen“, sagt er. „Wir haben es in der heutigen Zeit immer schwerer, zuckerarm zu leben.“ Deshalb seien Produktinnovationen genauso gefragt wie neue Ernährungskonzepte. Von einer grundsätzlichen Verteufelung des Zuckers hält Sina nichts. Es komme weniger auf die tägliche Gesamtmenge an Zucker an, die ein Mensch zu sich nehme, sondern vielmehr, wie ihn eine Person im Stoffwechsel verarbeitet. Jeder Körper reagiere anders.

Bundesministerin gegen „Strafsteuer“

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) wehrt sich gegen eine „Strafsteuer“. Dadurch würden nicht alle gesund. Wichtiger sei, den Lebensstil und die Zufuhr aller Kalorien im Blick zu haben. Eine bessere Ernähungsbildung müsse bereits in der Kita anfangen. Auch der Kieler Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) bleibt bei dem Thema skeptisch: „Ich halte wenig davon, Ernährungsverhalten über Steuererhöhungen regeln zu wollen.“ Garg setzt auf Prävention und „clevere Anreize für die Hersteller, zuckerärmer zu produzieren“.

„Die Politik darf nicht länger vor der Lebensmittel-Lobby einknicken“, kontert Jens Kuschel, Sprecher der AOK Nordwest. Zu viel Zucker, Salz und Fett machten krank, das wisse jeder. Eine Steuer müsse in jedem Fall mit finanziellen Entlastungen beim Kauf von „gesunden“ Lebensmitteln einhergehen, fordert Selvihan Koc, Expertin bei der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein. Nötig sei jetzt eine „nationale Strategie“ zur Reduktion von Zucker.

Curd Tönnemann

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