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11:22 27.10.2018
Der Vorteil vom freistehenden Eigenheim: Klavierlehrer Kai Beller kann mit Schüler Jonne bei sich zu Hause den Bass voll aufdrehen. Quelle: 54° / Felix König
Karlsruhe/ Lübeck

Auch wenn die Töne schief und laut sein können: Hausmusik müsse als übliche Freizeitbeschäftigung möglich sein, urteilte der Karlsruher Bundesgerichtshof (BGH) am Freitag in einem Verfahren um das Trompetenspiel eines Berufsmusikers. Der beim Staatstheater Augsburg Beschäftigte probte regelmäßig zu Hause und erteilte Übungsstunden an Schüler.

Die direkten Nachbarn im Reihenhaus waren so angenervt, dass sie vor Gericht zogen. Das sagt nun: Musizieren im eigenen Reich ist zumutbar – in gewissen Maßen. Maßstab sei der verständige Durchschnittsmensch. (Az. V ZR 143/17) Der Zivilsenat hält zwei bis drei Stunden an Wochentagen und ein bis zwei Stunden an Sonn- und Feiertagen als Richtwert für angemessen. Ob ein Berufsmusiker übe, spiele dabei keine Rolle. „Er kann nicht mehr, aber auch nicht weniger Rechte haben“, sagte die Vorsitzende Richterin Christina Stresemann.

Wie viel Hausmusik ist erlaubt?

Entscheidend für das Musizieren zu Hause sind die Umstände. Die Art des Instruments, die wahrnehmbare Lautstärke im Nachbarhaus und mögliche Erkrankungen des Nachbarn müssten beim Umfang der Übezeiten berücksichtigt werden. Dabei seien Ruhezeiten über Mittag und in der Nacht einzuhalten.

In der Regel gelten zwei bis drei Stunden an Wochentagen und ein bis zwei Stunden an Sonn- und Feiertagen als Richtwert. In vielen Bundesländern geht die Nachtruhe von 22 bis 6 Uhr. Ruhezeiten stehen oft auch in der Hausordnung oder im Mietvertrag.

Joachim Pfeiffer kennt die Problematik. Der 55-Jährige spielt Trompete am Theater Lübeck, Musik ist sein Beruf. Bevor er auf der Bühne neue Stücke präsentiert, muss Pfeiffer viel üben. Und das macht er, wie die meisten Berufsmusiker, zu Hause. Doch Blasinstrumente sind besonders laut. „Ich hatte schon immer mit den Nachbarn zu kämpfen“, berichtet der Musiker. Inzwischen habe er seinen Proberaum im Kellergeschoss extra schallisoliert, damit weniger Ton nach außen dringt.

In der Musikschule kann Schülerin Lucy Wegner (13) mit Gesangslehrer Tim Stekkelies so laut singen, wie sie möchte. In der Doppelhaushälfte gibt es Absprachen mit den Nachbarn. Quelle: 54° / Felix Koenig

„Wenn Musiker üben, müssen sie bestimmte Passagen oft wiederholen“, berichtet Klavier- und Basslehrer Kai Beller. Um ungestört musizieren und seinen Schülern Unterricht geben zu können, sei der 48-Jährige extra in ein freistehendes Familienhaus nach Moisling gezogen. „Hier kann ich so laut sein, wie ich will.“ Auch damals, an der Musikhochschule, habe er Glück mit seiner Studentenbude gehabt. Es sei „ein Juwel in der Innenstadt“ gewesen –auf der einen Seite ein Innenhof, auf der anderen Seite eine dicke Wand. „Da konnte ich auch noch bis nachts um drei mit meiner Band proben.“

Ganz schön laut: Musikstudenten proben vier bis sechs Stunden am Tag

Musikstudent Aaron Schuirmann hat da weniger Glück. Der 20-Jährige spielt Fagott und hat Übezeiten von vier bis sechs Stunden am Tag. Bläser müssen besonders viel üben, um ihre Lippenmuskulatur fit zu halten. „Ich probe nie zu Hause“, berichtet der Student. „Die Wände sind einfach zu dünn.“ Viele seiner Mitstudierenden dürften maximal bis acht Uhr abends üben, sonst meckern die Nachbarn. Im Studium könne Schuirmann glücklicherweise auf schallisolierte Überäume in der Hochschule ausweichen. Als Berufsmusiker gehe das allerdings nicht mehr. „Dann ist es gar nicht so einfach, eine passende Wohnung zu finden.“

Berufsmusiker suchen das Gespräch mit den Nachbarn

Tim Stekkelies unterrichtet Gesang an der Musikschule Lübeck und wohnt in einem Mehrparteienhaus. „Wenn neue Leute einziehen, wird ihnen vorab gesagt: Hier wohnen Musiker“, erzählt der 41-Jährige. Um die Nachbarn mit seinem hohen Bariton nicht zu stark zu strapazieren, komme er aber meistens zum Üben in die Musikschule. Ab und an wackeln die Decken aber auch zu Hause: „Manchmal probe ich abends zusammen mit einer Opern-Sopranistin.“ Doch das sei eher die Ausnahme. Stekkelies suche dann auch das Gespräch mit den Nachbarn.

Trompete, Klavier, Fagott: Wer viel übt, kann den Nachbarn auf die Nerven gehen. Der Bundesgerichtshof hat nun entschieden, was zumutbar ist. Welche Strategien fahren Musiker, um ungestört zu proben?

Schülerin Lucy Wegner singt in ihrer Freizeit und lernt bei Tim Stekkelies in der Musikschule. Zu Hause probt sie in der Doppelhaushälfte. „Mit den Nachbarn ist abgesprochen, dass ich in der Mittagszeit und abends ab Acht nicht mehr übe.“ Es ist ein Kompromiss, mit dem alle gut leben könnten.

Saskia Bücker

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