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Norddeutschland Bundeswehr wirbt Lensahner Kinder an
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22:20 23.03.2013
Von Oliver Vogt
So jung und schon zum Bund? Aileen (7) und Dustin (6) haben Post von der Bundeswehr erhalten. Quelle: Neelsen

LensahnDass es bei der Bundeswehr mit dem freiwilligen Wehrdienst nicht so läuft, wie Verteidigungsminister Thomas de Maizière es sich wünschte, ist ja weithin bekannt. Aber kann die Truppe so verzweifelt sein, dass sie auch Kinder für den Dienst an der Waffe anwirbt?

Vor einigen Tagen haben jedenfalls der dreijährige Julien und seinen beiden Geschwister Aileen (7) und Dustin (6) aus Beschendorf bei Lensahn (Kreis Ostholstein) einen Brief von der Bundeswehr erhalten — sogar mit individueller Vorgangsnummer. „Planen Sie zurzeit Ihren weiteren beruflichen Lebensweg?“, fragt der „Karriereberater“ der Bundeswehr und weist darauf hin, dass die Bundeswehr ihn in „verschiedenen Berufsfeldern ausbilden und einsetzen“ könnte.

Ein Angebot, das Julien indes völlig kalt lässt. Sein Interesse gilt derzeit vor allem der Landwirtschaft. „Guck mal hier, mein Trecker“, sagt der Dreijährige und führt stolz seinen grünen Spielzeugtraktor vor. „Den kann man sogar richtig lenken.“ Seine älteren Geschwister Dustin und Aileen sind ebenfalls nicht begeistert von ihren neuen Karriereaussichten. Die offiziellen Bundeswehr-Tarnfleck- Mützen, die der LN-Fotograf mitgebracht hat, finden die beiden zwar irgendwie cool. Aber deshalb gleich Soldat werden? „Nee“, sagt der sechsjährige Dustin.

„Ich war total geschockt, als die Briefe plötzlich in der Post waren“, sagt Mutter Cathrin Jacobsen (27). „Das geht ja mal gar nicht. Ich frage mich, woher die Bundeswehr eigentlich die Daten meiner Kinder hat. “

Die Antwort: Die Daten stammen von der Meldebehörde. In diesem Fall vom Amt Lensahn. Und wie sich bei einem Anruf dort herausstellt, haben mitnichten nur Julien, Aileen und Dustin Post vom Karriereberater bekommen, sondern an die 1000 Kinder zwischen einem Monat und 17 Jahren im Großraum der Gemeinde. „Ein dummer Fehler“, räumt Büroleiter Dieter van Bühren entschuldigend ein. Nach geltendem Recht stelle die Gemeinde zwar allen großen Behörden wie der Bundeswehr und der Kirche Meldedaten zur Verfügung. Statt, wie eigentlich beabsichtigt, die Adressen von allen Jugendlichen ab 17 Jahren an das Bundesamt für Personalmanagement der Bundeswehr zu schicken, habe man versehentlich die Daten von allen Einwohnern unter 17 Jahren

übermittelt. Das sei ärgerlich und peinlich, sagt Dieter van Bühren. Der zuständige Sachbearbeiter habe sich auf dem Computer aber „schlicht verklickt“.

„Eine sehr unangenehme Geschichte für uns“, räumt auch der Sprecher des Bundeswehr-Personalmanagements in Köln ein. Für diesen Fauxpas übernehme man als Bundeswehr auch die Verantwortung und werde sich bei den betroffenen Familien entschuldigen. „Bei der Menge der Daten, mit denen wir arbeiten, hätte der Fehler auf unserer Seite aber leider gar nicht auffallen können“, begründet der Sprecher.

Zumal die Datensätze lediglich Name und Anschrift potenzieller Rekruten umfassten, nicht aber deren Geburtsdatum. „Dennoch werden wir diesen Vorfall jetzt zum Anlass nehmen, um zu prüfen, wie wir solche Dinge in Zukunft vermeiden können.“

Es war nicht der erste Vorfall dieser Art. Ebenfalls wegen eines Fehlers beim Einwohnermeldeamt hatten im Dezember 2011 rund 2300 Kinder aus Eutin Nachwuchswerbung der Bundeswehr erhalten.

Auf Werbung angewiesen
Die Wehrpflicht in Deutschland ist am 1. Juli 2011 unter dem damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ausgesetzt worden. An ihre Stelle ist ein freiwilliger Wehrdienst getreten. Männer und Frauen ab 18 Jahren können sich für zwölf bis 23 Monate zum Dienst in der Truppe verpflichten. Während der Probezeit in den ersten sechs Monaten haben Rekruten das Recht, das Dienstverhältnis zum 15. des Monats oder zum Monatsende zu kündigen. Der Sold steigt von 777 Euro in den ersten drei Monaten bis auf 1146 Euro vom 19. bis zum 23. Monat an. Bundesweit stehen insgesamt 15 000 Plätze für freiwillig Dienende zur Verfügung.
Um qualifizierte Rekruten zu finden, ist die Bundeswehr heute im Gegensatz zu Wehrpflicht-Zeiten vor allem auf offensive Mitgliederwerbung angewiesen. Das geschieht unter anderem über Fernsehspots, Videoclips im Internet, Werbebriefe oder Anzeigen in Magazinen, die vor allem von Jugendlichen und jungen Erwachsenen gelesen werden. In der Vergangenheit hatte es jedoch häufig Kritik an Werbemaßnahmen der Bundeswehr gegeben. Empörung hatte zum Beispiel eine Kampagne in Zusammenarbeit mit der Jugendzeitschrift „Bravo“ ausgelöst, mit der Jugendliche für die Teilnahme an einem „BW-Abenteuercamp“ geworben werden sollten. Medienforscher kritisieren, dass die Werbe-Aktionen der Bundeswehr häufig auf Emotionen und Träume setzen. Das Risiko, das der Dienst in der Armee mit sich bringt, werde aber verschwiegen.
„Ich war geschockt, als die Briefe plötzlich in der Post waren.
Woher hat die Bundeswehr die Daten meiner Kinder?“
Cathrin Jacobsen

Oliver Vogt

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