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Norddeutschland Das Geschäft mit der Spielsucht
Nachrichten Norddeutschland Das Geschäft mit der Spielsucht
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20:24 02.11.2013

Die Pflanzen sind künstlich, sehen aber trotzdem welk aus. Rauch steht in der Luft. In einem offenen Viereck reihen sich die Spielautomaten aneinander. Im verhangenen Licht des Tiefparterres leuchten sie in allen Farben, piepsen und klingeln um Aufmerksamkeit. Dazwischen das monotone Klackern von Tasten: Spieler versinken in ihren Sesseln vor den Geräten.

„Das sind oft Menschen, die mit dem Alltag überfordert sind und in eine eigene Welt ausbrechen wollen”, beschreibt Dorothee Johannsen von der Vorwerker Diakonie in Lübeck die Spieler. Häufig seien junge, männliche Migranten betroffen, oft auch Arbeitslose und Familienväter. Bei Johannsen ist der Anteil derjenigen, die wegen Glücksspielproblemen Rat suchten, in den letzten Jahren deutlich gestiegen. „2011 waren es 14,8 Prozent der Ratsuchenden, 2012 dagegen 21 Prozent.”

Deutschlandweit gibt es vermutlich 550 000 Menschen, die ein pathologisches oder zumindest problematisches Spielverhalten an den Tag legen. Die meisten von ihnen haben mit Geldspielautomaten in Spielhallen oder Gaststätten angefangen, und gerade diese Geräte werden bei jungen Menschen immer populärer. Jeder fünfte 18- bis 20-jährige Mann hat 2011 an einem Geldspielgerät gezockt — das ist dreimal so viel wie noch 2007.

Das Land versuchte letztes Jahr mit einem Gesetz, die Zunahme an Spielhallen im öffentlichen Raum zu begrenzen. Sie habe „teilweise besorgniserregende Ausmaße angenommen“, wie es in der Begründung heißt. Nur noch alle 300 Meter Luftlinie darf seitdem eine neue Spielhalle entstehen. In diesem Jahr hat die Küsten-Ampel das Gesetz durch den Beitritt zum Glücksspielstaatsvertrag noch einmal verschärft — seitdem dürfen Spielhallenbetreiber keine Mehrfachkonzessionen mehr bekommen, also nicht mehrere Spielhallen in einem Gebäude betreiben.

Was hat das gebracht? 520 Konzessionen für Spielhallen gab es in Schleswig-Holstein vor zwei Jahren, 606 sind es heute. Allein Lübeck hat derzeit 54 Konzessionen vergeben. Schließlich ist das Geschäft mit den Geldautomaten auch für die öffentliche Hand profitabel: 1,6 Milliarden Euro gab es 2011 deutschlandweit an Vergnügungs-, Gewerbe- und Umsatzsteuer von der Automatenindustrie. Die Ausgaben für die Suchthilfe machen einen Bruchteil davon aus.

Die Spielhallenbetreiber sind zwar gesetzlich verpflichtet, ihre Gäste zu einem verantwortungsbewussten Spiel anzuleiten und der Entstehung von Glücksspielsucht vorzubeugen. „Von einer Kontrollaktion seitens des Ordnungsamtes habe ich hier aber noch nie etwas gehört“, sagt Patrick Sperber von der Landesstelle für Suchtfragen e.V. „Das Ordnungsamt strebt jährliche Kontrollen in jeder Spielhalle an“, heißt es zwar von der Stadt Lübeck. In der eingangs beschriebenen Spielhalle ist von dem vorgeschriebenen Sozialkonzept aber nicht viel zu sehen. In der Ecke liegen ein paar schlechte Kopien aus, auf denen vor dem Glücksspiel gewarnt wird. „Wer ein Problem hat, kann zu den Anonymen Spielern gehen oder sich bei uns sperren lassen“, sagt die Aufsicht Martina P.*. Das mache aber nie einer.

Einer, der es raus aus der Spielsucht geschafft hat, ist Peter K.* (siehe Text unten). Dass es so viele Spielhallen im öffentlichen Raum gibt, ist für ihn problematisch. „Da kann ich doch vorbeifahren, das habe ich doch im Griff“, habe er früher gedacht — und damit immer wieder daneben gelegen. „Das Angebot bestimmt die Nachfrage”, warnt auch Dorothee Johannsen. „Man kommt ja kaum zu unserer Beratungsstelle, ohne an einer Spielhalle vorbeigehen zu müssen.“ Sie glaubt, dass der verhangene Charakter der Spielhallen auf manche den Charme des Verruchten ausübe. Zusätzlichen Reiz böte, „dass die Spieler hofiert werden, Getränke, Süßigkeiten und Zigaretten gratis bekommen”. Auch bei Martina P. sollen sich die Leute wohlfühlen. Es ist schon vorgekommen, dass ein älterer Stammkunde länger nicht mehr auftauchte, sagt sie. Da habe sie sich Sorgen gemacht und einen Nachbarn vorbeigeschickt. „Klar sind die Spielhallen auch soziale Treffpunkte“, sagt Dorothee Johannsen dazu, „man kann mit der Aufsicht quatschen, fühlt sich integriert — aber braucht keinen näheren Kontakt zuzulassen.“

Ein Gast in den Vierzigern mit langen Haaren, Mantel, Jackett, steht hartnäckig vor einem Gerät, spricht im Gegensatz zu den meisten anderen ab und zu leise mit sich selbst. Vorhin hat er an drei Geräten gleichzeitig gespielt, 150 Euro gewonnen und in Scheine wechseln lassen. Seitdem kommt er regelmäßig mit Zehnern oder Zwanzigern an den Tresen, um neues Futter für die eine Maschine zu haben.

„Einmal 20“, sagt er, „was weg ist ist weg.“

Martina P. verdreht die Augen. Sie nimmt einen Schluck Kaffee und sagt: „Es gibt diesen schönen Spruch: Gier, Habgier, Gar nix. Gier, ich gewinne mal was. Habgier, dann will ich ja noch mehr. Und dann sagt die Kiste: Feierabend.“

Die Anonymen Spieler Lübeck und Stockelsdorf treffen sich dienstags um 20 Uhr im Jugendzentrum Stockelsdorf, Ahrensböker Straße 78.

*Namen geändert.

Ein Spielerschicksal aus Lübeck
Peter K.* (42) begann wie viele Spieler: Als Jugendlicher probierte er einen Geldspielautomaten aus. Später finanzierte er seine Sucht, indem er seine Familie bestahl. „Einmal täuschte ich einen Überfall vor, knallte meinen Kopf gegen eine Autoscheibe, damit es echt wirkt.“ Er schaffte es, 15 Jahre lang spielfrei zu bleiben. Mit Online-Rollenspielen wie „World of Warcraft“ kam der Rückfall. Nach fünf Jahren ging Peter K.s Ehe auseinander. Heute ist er wieder spielfrei und ärgert sich über die Zeit, die er mit seiner Tochter hätte verbringen können. Bei den Anonymen Spielern fand er das Verständnis, das von Angehörigen oft kaum aufzubringen ist.

Kilian Haller

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