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Das Noctalis und die Wesen der Finsternis

Bad Segeberg Das Noctalis und die Wesen der Finsternis

Das Fledermaus-Zentrum Noctalis in Bad Segeberg hat 2015 mit einer Imagekampagne zehn Prozent mehr Besucher angezogen.

Florian Gloza-Rausch (43), Leiter des Fledermauszentrums Noctalis in Bad Segeberg, mit „Foxi“, einem zahmen Flughund, der sich ausschließlich von Früchten ernährt.

Quelle: Neelsen

Bad Segeberg. Eine Radierung des spanischen Künstlers Francisco Goya vom Ende des 18. Jahrhunderts heißt: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Hinter dem schlafenden Künstler bildet sich eine beunruhigende Schar von Nachtwesen: im Vordergrund ein Luchs und einige Eulen mit starrem Blick; noch bedrohlicher aber im Hintergrund die großen Schatten der Fledermäuse. Hundert Jahre später lässt der Schriftsteller Bram Stoker den Grafen Dracula in Gestalt einer großen Fledermaus auf der Suche nach Opfern um die Häuser Londons flattern. Noch einmal gut hundert Jahre später stoppt das Bundesverwaltungsgericht Leipzig den Weiterbau der Autobahn 20, weil der Schutz der 25000 Fledermäuse in den Kalkberghöhlen von Bad Segeberg in der Planung nicht hinreichend beachtet worden sei.

Jeder, der auch nur ein bisschen von PR versteht, sieht sofort: Die Fledermaus hat ein Image-Problem. Sie ist die Ausgeburt der Unvernunft, das blutsaugende Böse, die Autobahn-Verhinderin. Sie selbst kann nichts gegen ihr Image tun. Ihr Körperbau, ihr Verhalten und ihre Lebensweise haben sich in 50 Millionen Jahren bestens bewährt. „Das hat alles wunderbar hingehauen, evolutionsbiologisch — bis eine weitere Art auftauchte: der Mensch“, sagt der Biologe Florian Gloza-Rausch (43). Er ist Leiter des Fledermaus-Zentrums Noctalis am Segeberger Kalkberg, und er ist so etwas wie der PR-Manager der Fledermäuse; wenigstens für die 25000, die während des Winterschlafs bei ihm in der Kalkberghöhle hängen, eigentlich aber für die ganze Ordnung der Fledertiere.

In seinem Büro hängt ein Jahresplaner, der überschrieben ist: „Planung der Kampagne zur Förderung der positiven Wahrnehmung der Fledermäuse“. 80000 Euro hat sein Haus vom Kieler Umweltministerium für eine Image-Kampagne bekommen, die das Ansehen der Fledermaus heben soll. Mit dem Geld werden Faltblätter gedruckt, Freikarten vergeben, Lehrer fortgebildet, Fledermauskästen gebaut, Vorträge gehalten und Fledermaus-Nachtwanderungen unternommen. Der Erfolg ist messbar — zumindest in Bad Segeberg: Noctalis hat im Jahr 2015 seine Besucherzahl um zehn Prozent gesteigert.

Fledermäuse tun nichts, was beliebtere Tiere nicht auch täten: Sie fliegen, sie fressen Insekten, sie säugen ihre Jungen, sie halten Winterschlaf. Ihr großes Problem aber, jedenfalls in den Augen der Menschen, ist, dass sie es nachts tun. Das schlechte Image der Fledermaus hat einiges zu tun mit dem schlechten Image der Nacht in der westlichen Kulturtradition. „Und Gott sprach: Es werde Licht“, heißt es im dritten Vers des Alten Testaments, und damit ist das Schicksal der Fledermaus schon besiegelt. Wo Gott ist, ist Licht. Die Fledermaus lebt auf der Gott abgewandten Seite der Zeit, in der Nacht. Die Aufklärung übernahm diese Symbolik: Das klare „Licht der Vernunft“ ist das Mittel gegen die „Mächte der Finsternis“. Wie in Goyas Grafik, wo die Fledermäuse als Ungeheuer erscheinen.

Jahrhundertelang hatte die Fledermaus überdies eine zentrale Stellung im Aberglauben europäischer Völker — meistens als Dämon oder Todesbote. Aber auch dort, wo die Fledermäuse angeblich Glück oder Heilung brachten, gereichte es ihnen selten zum Vorteil: Es führte meistens dazu, dass ihre Kadaver an Scheunentore genagelt oder ihr Fett auf menschliche Körperteile geschmiert wurde. Das eigentliche Drama aber fing für die Fledermaus erst an, als der Mensch den Aberglauben überwand und anfing, gut beleuchtete Vorortsiedlungen, Gewerbegebiete und Autobahnen zu bauen, Dachböden zu sanieren, Windkraftanlagen aufzustellen und die Äcker mit Pestiziden zu besprühen. Die Tiere können auf solche Herausforderungen nicht flexibel reagieren. „Fledermäuse sind Konservative, die am liebsten immer das machen, was sie schon immer gemacht haben“, sagt Gloza-Rausch. Er hat mit empfindlichen Rekordern die Rufe der Fledermäuse rund um den Segeberger Kalkberg aufgezeichnet und weiß genau, wo sie hinfliegen. „Sie nutzen immer noch die Bereiche, die früher aus Wald bestanden“, sagt er. „Das wird von Generation zu Generation weitergegeben.“ Würde man eine Karte ihrer Flugrouten über eine Flurkarte aus dem 19. Jahrhundert legen — man sähe erstaunliche Übereinstimmungen.

Florian Gloza-Rausch ist von Fledermäusen begeistert, seit er sie als Jugendlicher im Schweden-Urlaub beobachtete und im Ferienhaus sogar ein mumifiziertes Exemplar fand. Seit 2004 sind Fledermäuse sein Beruf, und sie faszinieren ihn noch immer. Nicht nur, dass sie sich mit Ultraschall orientieren. Faszinierend findet er auch die Immunabwehr der Fledermäuse. „Fledermäuse haben vor 50 Millionen Jahren schon Millionenstädte gebildet — was eine immunbiologische Herausforderung ist“, sagt er. „Wir Menschen wären ohne Medizin auf dem Stand einer kleinen Horde.“ Dann sind da die erstaunlichen Flugkünste der Fledermäuse und die Tatsache, dass sie im Winter ihre Körpertemperatur einfach herunterfahren können. „Dann haben wir 25000 Energiesparer in der Kalkberghöhle.“

Gloza-Rausch hat ein Wundermittel gegen die Furcht vor Fledermäusen: „Foxi“, ein zahmes Riesenflughund-Weibchen, das sich gern von Kindern bestaunen und streicheln lässt. Wenn sie ihre Flügel ausbreitet, ist sie mehr als einen Meter breit, aber gefährlich ist sie nicht. Sie frisst nicht einmal Insekten — sondern nur Obst, am liebsten Mango.

Wenn es um den Autobahnbau geht, sind die Fledermäuse inzwischen aus dem Spiel. Im August, nach einer ersten Auswertung von Daten, die Florian Gloza-Rausch erhoben hatte, gab das Kieler Verkehrsministerium Entwarnung: Die A 20 könne gebaut werden wie geplant, Fledermäuse seien durch den Trassenverlauf nicht gefährdet. Seit Mitte Dezember hat nun ein anderes Tier das Imageproblem als Autobahnverhinderer: der Seeadler.

Nur Vampirfledermäuse ernähren sich von Blut
Fledermäuse gehören zur Ordnung der Fledertiere. Sie bilden eine von zwei Unterordnungen. Die zweite, Flughunde sind größer und auf der Nordhalbkugel nur in tropischen und subtropischen Regionen vertreten.
1240 Arten von Fledertieren gibt es. Die meisten Fledermausarten ernähren sich von Insekten, die meisten Flughundarten von Früchten.
Es gibt aber auch Fledertiere, die Frösche, Echsen, Mäuse oder Fische fressen — oder auch andere Fledermausarten. Nur die mittel- und südamerikanischen Vampirfledermäuse, von denen es drei Arten gibt, ernähren sich vom Blut lebender Säugetiere und Vögel. 27 Fledermausarten leben in Deutschland, 17 davon kommen in Mecklenburg-Vorpommern vor, wo sich ein Landesfachausschuss für Fledermausschutz und -forschung um die Tiere kümmert. Vier Arten sind nach Auskunft des Nabu vom Aussterben bedroht. Die größten Gefahren für Fledermäuse sind die intensive Landwirtschaft und Windräder.
Fledermäuse sind nachtaktiv. Sie haben einen schwach entwickelten Gesichtssinn, können sich aber bei Dunkelheit hervorragend orientieren: Sie stoßen Ultraschallwellen aus, die von den Objekten zurückgeworfen werden.
Noctalis heißt das Fledermauszentrum am Segeberger Kalkberg. Es enthält eine Fledermaus-Ausstellung. Vom 1. April bis 30. September bietet Noctalis auch Führungen in die Kalkberghöhle an. In dieser Zeit hat es montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr und sonnabends und sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. In der Winterzeit ist es von Oktober bis März dienstags bis donnerstags von 9 bis 14 Uhr, sowie freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr offen. Der Eintritt kostet für Erwachsene acht, für Kinder vier bis fünf Euro, das Kombiticket im Sommer zwölf Euro, für Kinder sechs.
• Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.noctalis.de

Hanno Kabel

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