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Norddeutschland Das Schlichte ist der schönste Schmuck
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18:23 16.01.2016
Architekt Frank Herion und Pastorin Imke Akkermann-Dorn auf der Empore über dem halbrunden Kirchensaal.

Der Dachstuhl stand auf verrottenden Balken, an der rückwärtigen Fassade zerbröselten die Fugen, im Kirchenraum kroch der Schimmel die Wand hinauf: Die Schäden des Alters drohten die schlichte Schönheit der evangelisch-reformierten Kirche in der Lübecker Königstraße zu zersetzen, und die Gemeinde der Reformierten brauchte einen langen Atem, um die Kosten von rund 777000 Euro für die nötige umfassende Sanierung zusammenzubringen. Die Possehl-Stiftung trägt einen großen Anteil, ebenso die Landeskirche in Leer. Fördermittel kommen außerdem von mehreren Stiftungen und aus einem Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes, denn die Kirche zählt mit ihrer klaren klassizistischen Fassade zu den bedeutendsten Baudenkmalen des frühen 19. Jahrhunderts in Lübeck.

Nach mehr als fünf Jahren Bauzeit ist nun ein Ende der Restaurierungsarbeiten absehbar. Zum 350. Jubiläum der Gemeinde, das Mitte September mit einem Festgottesdienst und einem Festkonzert gefeiert werden soll, wird das Haus wieder hergerichtet sein — vom mittelalterlichen Keller, in dem das Weinhaus von Melle noch bis in die 1960er Jahre Weinfässer einlagerte, bis zum frei tragenden Dachstuhl über dem Kirchenraum.

Die schlichte Strenge der Fassade und des geradezu puristisch gestalteten Kirchenraums spiegelt das reformierte Verständnis der zehn Gebote: Das zweite Gebot enthält ein Bilderverbot — im ganzen Kirchenraum gibt es deshalb weder Ikonen, Statuen oder andere bildliche Darstellungen; es glänzen keine Kandelaber und kein Kirchenschmuck. „Die Menschen sind der Schmuck der Gemeinde“, erklärt Pastorin Imke Akkermann-Dorn mit einem Zitat des Reformators Johannes Calvin (1509-1564) einen Grundgedanken der evangelisch-reformierten Kirche. Im halbrunden Kirchenraum drückt sich der Gemeinschafts-Gedanke aus: Die Wände sind schlicht getüncht, das alte Kirchengestühl darf nun endlich einmal neue Polster bekommen; einzige Zierde sind die zehn dorischen Säulen, die die Empore tragen.

Neben der Kanzel sind die Dielen hochgenommen, der Fußboden wird aufgearbeitet, ebenso das dunkle Gestühl mit den schmalen Bänken und hohen Lehnen, das noch aus der Zeit des Kirchenbaus stammt. Unter ihrem Pastor Johannes Geibel, dem Vater des Dichters Emanuel Geibel, hatte die Gemeinde 1824 das barocke Stadtpalais des Weinhändlers Kohpreis in der Königstraße 18 gekauft und entkernen lassen.

Kirchensaal und Fassade wurden streng klassizistisch gehalten, in der Rückwand blieben die großen, hohen Rundbogenfenster des ursprünglichen Palais erhalten und durchfluten die Kirche mit Licht.

Diese rückwärtige Backsteinfassade wurde im Zuge der Sanierung neu verfugt, die Vorderseite restauriert und die maroden Balken des Hänge-Strebewerks ersetzt, auf denen das gewaltige Mansardendach ruht. „Hier oben und im mittelalterlichen Gewölbekeller haben wir große Flächen — die wir leider nicht nutzen können. Der Denkmalschutz hat ein wachsames Auge darauf“, sagt der leitende Architekt Frank Herion, der selbst ein Mitglied der evangelisch-reformierten Gemeinde ist. Im letzten Schritt wird nun noch die original erhaltene Bibliothek des ehemaligen Gemeinde-Pastors Otto Friedrich Butendach im Rokoko-Gartenflügel restauriert. Sie ist mit mehr als 4000 wissenschaftlichen Bänden aus der Aufklärungszeit ein bedeutendes Beispiel einer Gelehrtenbibliothek des 18.

Jahrhunderts. Bald soll sie wieder der Gemeinde und auch Gästen zur Besichtigung zugänglich sein.

Die evangelisch-reformierte Gemeinde Lübeck

800 Mitglieder zählt die evangelisch- reformierte Gemeinde Lübeck in Schleswig-Holstein.



Die Gemeinde wurde 1666 von niederländischen Kaufleuten gegründet. Bis 1811 durften die Reformierten ihre Gottesdienste nicht innerhalb der Stadt feiern; sie wurden erst 1813 als eigenständige evangelisch-reformierte Kirche Lübecks anerkannt. Unter Pastor Johannes Geibel (1798-1847) baute die Gemeinde 1824 -1826 ein barockes Stadtpalais in der Königstraße als Predigtkirche aus.

Regine Ley

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