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Norddeutschland Das monatelange Warten aufs Tattoo
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13:26 17.07.2016
Vesko Kostov von King Street Tattoo & Piercing beginnt mit einer Umrandung für den Cupcake, den sich Vanessa Dahnke (23) zuvor tätowieren lassen hatte. Quelle: Fotos: Olaf Malzahn

Die spitze Nadel sticht in die Haut, schwarze Farbe breitet sich aus und Burkhard Hepp kneift kurz die Augen zusammen. „Es ist aber noch gut auszuhalten“, sagt er tapfer, „obwohl es mein erstes Tattoo ist.“ Sechs Monate lang hat der 34-Jährige auf diesen Tag gewartet. Im Januar war er zum ersten Mal ins Tattoo- Studio von Martin Müller gekommen und hat sein Motiv, ein Bild aus der Alien-Filmreihe, gezeigt. Ein gutes halbes Jahr später ist er noch immer begeistert von der Idee, sich den Alien auf seinen Oberarm stechen zu lassen. Die Wartezeit: Völlig normal.

Die Körperkunst ist nach wie vor gefragt, gerade die Stilrichtung Realistic und Partnertattoos liegen im Trend – Wer einen Termin in einem renommierten Studio möchte, muss Geduld haben.

Lange Wartezeiten sind auch ein Zeichen für eine gute Qualität. Wir brauchen mehr Regelungen, derzeit kann man sich zu leicht einen Gewerbeschein holen.“ Martin Müller, Lunatics Custom Tattoo

„Aktuell müssen die Leute so sieben bis acht Monate auf einen Termin warten“, sagt Martin Müller, „die Wartezeit ist auch ein Synonym für die Qualität.“ Der 34-Jährige betreibt das Studio Lunatics Custom Tattoo in Lübeck, sein Terminkalender ist prall gefüllt. Sechs Stunden am Tag tätowiert er, dazu kommen Beratungstermine und die Vor- und Nachbereitung. „Meist schaffe ich ein Motiv am Tag, dann lässt auch die Konzentration nach“, erzählt er. Wer einen Termin macht, muss eine Anzahlung leisten. Denn nur so kann sich Müller darauf verlassen, dass auch Monate später alle Kunden kommen.

Wenn es nach den Tattoo-Fans geht, könnte er die Termine sogar noch weiter im Voraus vergeben. „Es gab schon Zeiten, da habe ich mindestens ein Jahr im Voraus geplant, aber da bleibt das Privatleben auf der Strecke.“ Der Tattoo-Hype hat allerdings auch Schattenseiten: „Im Grunde kann jeder sich einen Gewerbeschein holen und los tätowieren“, kritisiert Müller, „wir bräuchten dringend mehr öffentliche Regelungen, gerade wenn es um Hygiene geht.“ Auch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, der für den Verbraucherschutz zuständig ist, drängt auf strengere Regelungen. „Wer so eine sensible Arbeit macht und damit Einfluss auf die Gesundheit der Verbraucher hat, muss sein Handwerk nachweisbar beherrschen“, sagt er. Im Gespräch sind die Einführung von Befähigungsnachweisen und europaweite Regelungen zu den chemischen Stoffen in Tätowiermitteln.

Eine stärkere Kontrolle des Bundes würde auch Mike Hormann (29), Geschäftsführer von King Street Tattoo & Piercing in Lübeck, befürworten. Bei ihm gilt schon jetzt die Regel, dass niemand unter 18 Jahren tätowiert wird. Selbst dann nicht, wenn die Eltern einverstanden sind. „Ich denke, gute Arbeit spricht sich rum, vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass der Trend anhält“, sagt er. Auch seine Kunden müssen oft lange auf einen Termin warten. „Der Hype ist immer noch da, er hat nie nachgelassen“, sagt der Lübecker. Besonders die Realistic Tattoos sind gefragt. Bilder auf der Haut, die eine Wirklichkeit abbilden. Eine berühmte Person, ein Verwandter oder ein Tier beispielsweise. „Wir haben zwei Tätowierer, die das machen. Aber man muss schon mal ein Jahr auf einen Termin warten.“

Bei kleinen Motiven geht es meist schneller. Vanessa Dahnke hat sich einen acht Zentimeter großen Cupcake tätowieren lassen. „Zwei bis drei Monate habe ich auf den Termin gewartet. Aber das ist völlig normal, das wusste ich vorher“, sagt die 23-Jährige.

Doch für viele ist das nicht normal. Sie kommen ins Geschäft und wollen sofort ein Tattoo haben. „Gerade Neulinge sind oft überrascht, dass es so lange dauert. Die meisten nehmen’s aber gelassen“, sagt Hormann. Neben den Realistic Tattoos sind auch Paar-Tattoos mit Schriftzügen wie „King“ und „Queen“ oder Infinitiy Symbole, wie eine liegende Acht oder eine Feder, im Trend. „Außerdem sind Totenköpfe das Tattoo schlechthin“, erzählt Mike Hormann, „das haben wir jeden zweiten oder dritten Tag.“ Vanessa Dahnke will für ihren Cupcake noch einen passenden Hintergrund. Ihr Bruder Nico (21) schaut zu, er hat sich erst vor wenigen Tag die Kulisse eines Waldes auf seinen Arm tätowieren lassen. „Für uns ist das etwas völlig Normales“, sagen die beiden.

 Maike Wegner und Paul Ahlers

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