Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Der Burger-Meister aus Amerika
Nachrichten Norddeutschland Der Burger-Meister aus Amerika
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:24 14.05.2016
Von New York nach Kiel, von der Uni an den Brater: John Rapaglia (36) erfüllte sich mit einem Restaurant seinen Traum. Quelle: Fotos: Sven Janssen (3), Breuel Bild

Klar haben sie ihre Zweifel gehabt. Haben ihn für verrückt erklärt, auch das. Einfach alles stehen und liegen zu lassen, sein altes Leben abzuhaken, einfach so, und er wusste ja selbst nicht, was das sollte. Nur, er musste es machen, er konnte nicht anders, und jetzt sitzt er also hier, Tausende Kilometer von seiner Heimat entfernt, lacht und sagt: „Well. Es war ein Risiko, aber es ging nicht anders.“

Zur Galerie
John Rapaglia ist Professor und in New York aufgewachsen. Sein Traum aber war es, Burger zu verkaufen. In Kiel.

„Well. Es war ein Risiko, aber es ging

nicht anders.“ John Rapaglia (36)

John Rapaglia, 36 Jahre, ist ein halbwegs großer, kräftiger Mann in dunklem Poloshirt und mit herzlichem Lächeln. Er ist in einem Vorort von New York aufgewachsen, Mutter deutsch, Vater amerikanisch, in den Staaten führte er ein gutes Leben. Gute Stelle. Gute Wohnung. Gute Freunde. Und das alles gab er auf, um, Himmel hilf, einen Burger-Laden zu eröffnen, in Kiel, ausgerechnet, ehrlich, es gibt hübschere Flecken. Aber mit Logik kommt man selten weit. Und außerdem, was ist das Leben ohne Brüche, die meisten Leute, sagt John, die seien zu ernst, „man muss mehr Spaß haben“.

John sitzt an einem Tisch inmitten hochgestellter Stühle, inmitten seines realisierten Traums. John’s Burgers heißt der Laden, eine Mischung aus Restaurant und Imbiss, im August hat er ihn mit Freunden eröffnet, und was seither passierte, könnte gut als eine dieser amerikanischen Tellerwäschenerfolgsgeschichten durchgehen.

Es gibt Tage, da stehen 50 Menschen vor der Tür und warten. Es gibt Tage, da kann er kaum Luftholen vor Arbeit. Morgens sind die Kühlschränke voll, abends sind sie leer. Voll, leer, voll, leer. Und seit das Fernsehen berichtete, ist das Ganze komplett aus dem Ruder gelaufen, es hat bald hysterische Züge. Im Netz feiern sie den Imbiss, als wäre es ein Sternerestaurant. „Best burger, best beer, best people!“ Es ist jedenfalls ein Riesenbohai. Und John’s Burgers ist am Ende seiner Kapazitäten, und er selbst ist es irgendwie auch.

Natürlich ist er glücklich. Dass alles läuft. Dass er und seine Freunde vom Geschäft inzwischen leben können. Nach acht Monaten. Das muss einem erstmal einer nachmachen. Nur, es sei viel Arbeit, sagt John, „wir sind alle ein bisschen müde“, er sagt es mit diesem typisch amerikanischen Akzent, wo aus dem Wörtchen müde mude wird und aus bisschen bischen.

Nun ist es nicht so, dass es in Kiel keinen Burger-Laden gäbe. Wenn man aber John richtig versteht, ist es eine Mischung aus Authentizität und Qualität („nie Tiefkühlware, nie Fertigprodukte, alles Handarbeit“), warum ihm die Leute die Bude einrennen. Er sitzt da, erzählt mit den Händen, erzählt über Träume und Pläne, erzählt von Ups und Downs, hinter ihm werkelt ein Handwerker, draußen auf der Straße wartet seine Mutter auf einer Bank, sie ist für eine Woche nach Kiel auf Besuch gekommen. Vor vierzig Jahren war sie aus Augsburg als Aupair in die USA gezogen; lernte dort Johns Vater, einen Philosophieprofessor, kennen, der Rest ist Geschichte. Vier Mal ist er als Kind in Deutschland zu Besuch gewesen, immer im Süden bei der Verwandtschaft, und immer dachte er, Deutschland sei das beste Land der Welt. „Alles schmeckte besser. Die Schokoladenmilch. Die Butter.“ Ach, die Butter. In Virginia studierte John Geografie und Umweltwissenschaften, danach ging er für sechs Monate nach Tübingen, ging zurück nach New York, machte seinen Doktor in Meereswissenschaften, ging für die Forschung nach Venedig, ging zurück nach New York, wieder Venedig, wieder New York, wieder Venedig, und irgendwann in dieser Zeit suchte die Uni Kiel via Exzellenz Cluster Wissenschaftler, und John bewarb sich, er hatte keine Ahnung, was das war, Kiel. Was folgte, war ein erfolgreiches Bewerbungsgespräch, dann ein Bummel durch die Stadt, er war, nun ja, enttäuscht, aber das legte sich, und das nun ist der Anfang seiner Burger-Geschichte.

2011 beschloss er aus Jux und Dollerei, auf der Kieler Woche Burger zu verkaufen, lud Freunde zum Mitmachen ein, das Projekt wurde ein Erfolg. 2012 war er wieder dabei, auch 2013, 2014, und schließlich stand er vor der Entscheidung: Ganz oder gar nicht, der Plan vom Restaurant nahm Konturen an. Eine Professur, die er inzwischen an einer Uni in New York hatte, gab er auf, halb zog es ihn, halb sank er hin. John, the master of desaster, the burger-king.

Well, sagt John, schiebt den Stuhl beiseite und geht raus zur wartenden Mutter. Wenn ihn heute jemand fragt, ob es richtig war, Burger zu verkaufen, wird er sagen: „I don’t regret, ich bereue nichts. Aber ob ich es wieder machen würde, wüsste ich, was auf mich zukäme? Keine Ahnung.“

Marion Hahnfeldt

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Mehr als 2000 Stellen in der Gastronomie noch unbesetzt - Über die Gründe streiten Dehoga und die Gewerkschaft NGG.

14.05.2016

. Der Naturschutzbund (Nabu) hat einen besseren Schutz für Schweinswale in der Ostsee gefordert.

14.05.2016

Den etablierten Buchungs-Portalen im Internet Konkurrenz machen, geht das? Der Dehoga im Norden versucht es.

14.05.2016
Anzeige