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Der Flug des Seeadlers in die Freiheit

Der Flug des Seeadlers in die Freiheit

Im Biosphärenreservat Schaalsee wurde jetzt ein Vogel freigelassen, der in Eekholt aufgepäppelt worden war.

Großenaspe. Die Geschichte beginnt traurig. Im kalten Winter, zwei Tage nach Weihnachten, findet der Zimmermann André Teut (44) aus Cronskamp (Nordwestmecklenburg) im Biosphärenreservat Schaalsee beim Spazierengehen im Wald einen Seeadler. „Er lag da einfach am Boden“, erinnert sich der hünenhafte Handwerker. „Völlig entkräftet.“

Teut handelt sofort. Er eilt zum drei Kilometer entfernten Auto, holt eine Decke, hüllt das Tier ein und fährt es nach Schwerin in die Tierklinik. Die Rettung für den Adler. Denn die Diagnose lautet: Bleivergiftung. „Da muss schnell gehandelt werden“, erklärt Tierärztin Elvira von Schenck (44) vom Wildpark Eekholt (Kreis Segeberg). „Da geht es um Stunden.“ Speziell für Adler, sagt sie, sei Blei tödlich. „Da reicht eine verschluckte Schrotkugel.“ Wahrscheinlich hatte der Adler verendetes Wild gefressen, das mit Bleimunition geschossen worden und dann liegen geblieben war.
Aus Schwerin wurde der kranke Greifvogel unverzüglich zu einer auf Adler spezialisierten Tierärztin in Berlin transportiert. „Dort gelang es, das Tier zu retten“, so von Schenck.

Seeadler Eekholt

Elvira von Schenck ist selbst Wildtierärztin und betreute mit ihrem Mann Wolf von Schenck (46), der Geschäftsführer des Wildparks und gelernter Falkner ist, wiederholt kranke Seeadler. Elvira von Schenck: „Als es dem Adler besser ging, war schnell klar, dass er zu uns kommt.“ Grund: Der Wildpark verfügt über die einzige Trainings-Voliere für Seeadler im Norden. Der Seeadler sollte dort wieder fliegen lernen. Wolf von Schenck: „Als das Tier gefunden wurde, war es auf 3200 Gramm abgemagert. Wir haben es auf 4500 Gramm hochgepäppelt.“

Gestern nun der große Tag, an dem der Seeadler wieder freigelassen werden soll: Wolf und Schenck und seine Frau betreten die Adlervoliere. Dort sitzt das stolze Tier auf einem Ast und beäugt skeptisch die Menschen, die ihm in den letzten Wochen so oft Nahrung brachten. Diesmal haben sie eine Decke dabei. Es gelingt, den Seeadler damit zu fangen und ihn in eine Transportbox zu setzen. Dann beginnt für ihn der Weg in die Freiheit: mit dem Auto zum Schaalsee.

Unweit des Fundorts, bei der Schnuckenschäferei Klein Salitz (Nordwestmecklenburg), wird die Box auf eine Wiese gestellt. Es ist ein kleiner Hügel, den die Tierschützer für ihre Aktion ausgesucht haben. Der Blick geht hinunter in die Ebene, auf der anderen Seite beginnt der Wald.
Elvira von Schenck lüftet die Decke, öffnet den Deckel der Box. Dann geht alles ganz schnell: Der Adler sitzt Sekunden auf der Kante der Transportkiste, blickt sich um. Dann spannt er die über zwei Meter messenden Schwingen aus und erhebt sich in die Luft. Zielsicher fliegt er in Richtung Ebene, und schon ist er aus dem Sichtfeld verschwunden. Nur die Rufe der Kraniche sind noch zu hören. Die Box ist leer, der Adler frei.

„Er weiß genau, wo er sich hier befindet“, sagt Wolf von Schenck. „Adler haben einen sehr guten Orientierungssinn.“ Der Seeadler ist 25 Jahre alt, beringt wurde er in einem Horst bei Plön. „Er weiß, was er tun muss, um in Freiheit zu überleben“, so der Wildpark-Chef. 30 Jahre könne der Adler durchaus werden und noch Nachwuchs zeugen. Es sei wahrscheinlich, so Wolf von Schenck, dass der Adler schnurstracks zu seinem alten Horst fliege, in sein altes Revier. Notfalls werde er darum kämpfen, einen Nebenbuhler vertreiben. „Sein Schnabel wies Spuren eines alten Revierkampfes auf“, sagt Elvira von Schenck. Denkbar sei auch, dass ein weibliches Tier auf ihn warte: „Adler schließen Lebenspartnerschaften.“

Dieser Adler, betont Seeadlerexperte Thomas Neumann (69) von der Umweltorganisation WWF, sei der erste, der nach einer Bleivergiftung gerettet und wieder in die Freiheit entlassen werden konnte. Seit 2009 waren in der Schaalsee-Region 13 Seeadler an Bleivergiftung gestorben. „Wir können nur an die Schweriner Landesregierung appellieren, möglichst bald den Einsatz bleihaltiger Munition für die Jagd vollständig zu verbieten“, so Neumann. In Schleswig-Holstein ist das bereits geschehen.

Von Marcus Stöcklin

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