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„Der Glaube passt sehr gut in die digitale Welt“

Reformationstag „Der Glaube passt sehr gut in die digitale Welt“

Margot Käßmann ist Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017. Im Interview mit den LN spricht sie über Martin Luther und seine Thesen, das Verhältnis zur katholischen Kirche und das Abendmahl, über christliche Nächstenliebe und eine Obergrenze für Flüchtlinge.

Die Theologin und Pfarrerin Margot Käßmann ist Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017.

Quelle: Gebert/dpa

Berlin. Frau Käßmann, was haben Sie Neues im Jubiläumsjahr der Reformation über Martin Luther erfahren?  Was mir vorher nicht so bewusst war, ist seine Rolle als Seelsorger, die ich in seinen Briefen an Menschen in Nöten lesen konnte. Luther galt doch vielen eher als Poltergeist. Als Schattenseite sehe ich an, wie tief sein Antijudaismus ausgeprägt war.

Der Reformator hat sich in Schriften und Werken nicht nur gegen Juden gewandt, sondern auch Hexenverbrennungen gut geheißen.  Darin war Luther tief im Mittelalter verfangen. Mit einem Fuß steckte er in den Vorurteilen, im Aberglauben der damaligen Zeit, mit dem anderen Fuß betrat er geistiges und theologisches Neuland.

Was war Luther für Sie persönlich, ein Sprachschöpfer, ein Kirchenspalter, ein Fürstenknecht?  Luther hatte viele Facetten und er hat auf die Menschen seiner Zeit und folgende Generationen ganz unterschiedlich gewirkt. Für mich als Theologin und Pfarrerin ist besonders beeindruckend, dass er sich so intensiv mit der Bibel beschäftigt hat. Ich habe noch einmal seine Vorlesung über den Römerbrief gelesen. Oder ich denke an seine großartige Übersetzungsarbeit. Er hat bis an sein Lebensende immer wieder an seiner Bibelübersetzung gearbeitet, hat neue Worte gefunden. Seine Sprachgewalt, sein Sprachgenie sind faszinierend.

War es Zufall oder folgerichtig, dass ein kleiner Augustinermönch, der die Ablasspraxis der damaligen katholischen Kirche kritisierte, den Anstoß für die Reformation geben konnte?  Es war insofern folgerichtig, dass er seine Kritik nicht aus der freien Hand, sondern aus seiner Bibellektüre herleitete. Als er entdeckte, dass die Praxis seiner Kirche nicht dem biblischen Zeugnis entsprach. Dass die Kirche etwa für Geld Sünden erließ. In der Bibel steht auch nirgendwo etwas vom Zölibat. Da steht, dass Christus lebendig unter uns ist. Warum brauchen wir dann einen Stellvertreter Gottes auf Erden? Luther argumentierte von der Bibel her, aber natürlich gärte es schon seit Jan Hus hundert Jahre früher.

Was hat das Reformationsjubiläum mit Kirchentag und zig Veranstaltungen im Land Christen und Nichtchristen gebracht, außer vielen Touristen und vollen Hotels?  Dass viele Menschen zu den Wirkungsstätten Luthers in Mitteldeutschland gekommen sind, ist auch wichtig. Die Christen hat es sehr ermutigt, sich auf ihre Wurzeln zu besinnen und gleichzeitig zu fragen, wo brauchen wir heute Reformation. Ich bin froh, dass die Feierlichkeiten vor allem in Mitteldeutschland stattgefunden haben, wo sich Christen in der Minderheit befinden. In Eisleben etwa, dem Geburts- und Sterbeort Luthers, gibt es gerade mal noch sieben Prozent Christen.

Welche Reformation brauchen wir heute?  Das eine ist sicher eine kirchliche Reformation: Wie finden wir für die Menschen heute eine Sprache, die für sie keine Fremdsprache ist? Aber auch die Gesellschaft, die immer mobiler, immer innovativer, immer digitaler sein will, muss wissen, wo ihre Wurzeln sind. Wenn junge Leute heute nichts mehr über Adam und Eva, über die Arche Noah oder den Turmbau zu Babel, über den Glauben insgesamt wissen, ist das ein Armutszeugnis.

Passt der Glaube in die digitale Welt, der Apps, Facebook, Twitter?  Sehr gut sogar. Der Glaube kann Orientierung und Halt geben in einer Welt, die immer unübersichtlicher zu werden scheint. Aber die Stärke der Kirche ist nicht Facebook, sondern Face to Face, also die direkte Begegnung von Menschen von Angesicht zu Angesicht, sich gegenseitig wahrnehmen, ernst nehmen, ist so enorm wichtig.

Die Freude über das Reformationsjubiläum hielt sich in der katholischen Kirche in Grenzen. Konnte es Anstoß sein für die Ökumene?  Ich bin sehr dankbar, dass wir das erste Mal ein Reformationsjubiläum wirklich auch ökumenisch durchgeführt haben. Die Skepsis der katholischen Kirche am Anfang war ja sehr groß. Das hat sich gegeben. Dabei denke ich nicht, dass wir uns auf dem Weg zur Einheitskirche befinden. Das hielte ich auch für falsch. Die Unterschiede – etwa die Ordination von Frauen, die Ablehnung des Zölibats und anderes – bleiben bestehen. Dennoch meine ich, dass uns in einer zunehmend säkularen Welt viel mehr verbindet als trennt. Ich wünsche mir, dass es demnächst eine eucharistische gegenseitige Gastfreundschaft gibt.

Kardinal Marx sagt, Ökumene heiße nicht, dass sich nur die katholische Kirche bewegen müsse. Bewegt sich die evangelische Kirche genug?  Es gibt viele ernsthafte Gespräche zwischen dem Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Marx, und dem Ratsvorsitzenden der EKD, Bischof Bedford-Strohm. Zugleich gibt es auf der Ebene der Gemeinden vielfältige Kontakte, man teilt sich Gebäude, besucht sich gegenseitig im Gottesdienst. Auch die Reformation ist unser gemeinsames Erbe. Es hat Versöhnungsgottesdienste gegeben. Wir sprechen darüber, was wir uns gegenseitig angetan haben in den Jahrhunderten und bedauern das gemeinsam.

Doch über ein gemeinsames Abendmahl können sich evangelische und katholische Kirche nicht verständigen.  Die evangelische Kirche sagt, Christus ist der Einladende und jeder, der getauft ist, kann zum Abendmahl kommen. Die katholische Kirche sagt, solange das Verständnis der Kirche und der Sakramente nicht übereinstimmt, geht das nicht. Ich halte ein gemeinsames Abendmahl theologisch für verantwortbar. Und ich wünsche mir, dass es zumindest als nächsten Schritt für konfessionsverbindende Ehepaare das gemeinsame Abendmahl gibt.

Ist die Ablehnung von Fremden, von Flüchtlingen ein Zeichen für fehlende christliche Nächstenliebe?  Wir erleben zurzeit große Angst vor Veränderung. Es gibt den Wunsch, sich abzuschotten. Aber gerade die Kirche sagt, wir sind ein Volk Gottes. Es endet nicht an nationalen Grenzen, die christliche Nächstenliebe auch nicht. Und deshalb finde ich gut, dass sich beide christlichen Kirchen für Flüchtlinge und Asylsuchende einsetzen. Natürlich muss geprüft werden, ob der Asylanspruch zu Recht besteht.

Die Jamaika-Partner in Berlin streiten, ob der Familiennachzug für Kriegsflüchtlinge erlaubt werden soll oder nicht. Was meinen Sie?  Da sage ich, gemeinsam mit beiden Kirchen, der Schutz der Familie steht ganz oben. Integration findet mit der Familie wesentlich besser statt als ohne Familie.

Unser Herz ist weit, aber die Möglichkeiten sind begrenzt, hat Pfarrer Joachim Gauck gesagt. Wo ist die Obergrenze?  Die Debatte um eine Obergrenze führt uns nicht weiter. Jeder weiß, dass wir nicht alle 65 Millionen Menschen aufnehmen können, die derzeit weltweit auf der Flucht sind. Doch mit rund einer Million Flüchtlingen und Asylsuchenden ist Deutschland mit seinen über 80 Millionen Einwohnern nicht überfordert. Wir haben die Kraft, diese Menschen zu integrieren.

Welche der 95 Luther-Thesen ist Ihre liebste?  Am besten gefällt mir eigentlich die 62., die sagt, dass der wahre Schatz der Kirche das Evangelium ist, die Botschaft von der Liebe Gottes. Das heißt, wir müssen uns um andere Schätze keine Sorgen machen. Die Kirche wird sich verändern, vielleicht kleiner und auch ärmer werden. Aber wir müssen nicht in Angst vor Gott, vor dem Fegefeuer oder vor der Zukunft leben. Das ist eine Befreiungsbotschaft.

Interview: Reinhard Zweigler

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