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21:16 10.11.2017
Der kleine Zug fährt die Hühner auf frisches Grünland. Der Stall ist immer dabei. Quelle: Fotos: Carmen Jaspersen/dpa
Friedeburg/Marx

. Punkt 10 Uhr lässt Lokführer Rainer Duits den Dieselmotor an. Die Passagiere gackern schon aufgeregt. Sie wissen, was kommt. Die Lok fährt vorsichtig an, rollt samt Stall knapp 30 Meter nach vorn – und schon stoppt sie wieder. „Das reicht“, sagt Duits, der Betriebsleiter für Legehennen beim Geflügelhof Onken im ostfriesischen Friedeburg. Dann rollt langsam eine lange Jalousie hoch und Hunderte braune Hühner hüpfen, flattern und springen aus dem mobilen Hühnerstall.

„Ticketpreis: ein Ei am Tag.Lokführer Rainer Duits

Für die Hennen ist das klasse, denn mit der kurzen Fahrt kommen sie wieder auf frisches Grünland. Die Hühner bleiben in der unmittelbaren Umgebung des Stalls, picken und scharren im Umkreis von nur 30 Metern. Das allerdings ziemlich intensiv. Nach einer Weile ist der Rasen kaputt und die Erde aufgewühlt und schwarz. Dann fährt der Zug weiter.

Mindestens einmal pro Woche bewegt Rainer Duits den Stall aufs nächste Grünfeld, damit sich die Vorstation erholen kann.

Den Hühnerstall hat Duits selbst gebaut. „Die Hühner haben ihr Zuhause immer dabei“, sagt der 56 Jahre alte Landwirt. Tagsüber draußen, nachts im Stall. Um 6 Uhr geht für die Hühner das Licht an , und drei Türen öffnen sich automatisch in zwei sogenannte „Wintergärten“, kleine Vorräume, die links und rechts am Stall angebracht sind. Dort gibt es eine Box zum Sandbaden und einen Raum zum Scharren. Wenn es um 10 Uhr ans Aussteigen geht, sollen die Legehennen ihr Tagewerk vollbracht und quasi den Fahrschein gelöst haben: „Ticketpreis: ein Ei am Tag“, sagt Duits scherzend.

Der 17 Meter lange Schienen-Stall ist ziemlich ausgeklügelt. Es gibt Sitzstangen, Trinkvorrichtungen, eine Be- und Entlüftung, ein Futterband, das sechs Mal am Tag rundherum läuft und ein Rundum-Kotband, das unter dem Gitter läuft und einmal pro Woche gesäubert wird. Das Wichtigste ist aber der Aufenthalt im Freien. „Das entspricht am ehesten dem natürlichen Verhalten der Hühner“, sagt Diplom-Agraringenieurin Stefanie Pöpken.

Die Fachreferentin mit Schwerpunkt Geflügel und Rinder des Tierschutzvereins Provieh weist darauf hin, dass Hühner eigentlich Waldrandbewohner sind. Das freie Feld ist nicht ihre Sache, denn das käme auch dem Habicht sehr gelegen. Hühner müssen im Gefahrenfall Unterschlupf finden. Auch das bietet der Hühnerzug: Die Tiere können unter den Schienenstall flüchten, was sie auch auf Kommando verschreckt tun, als Duits die laute Lokhupe drückt.

Die Idee mit der Lok, die im September beim Geflügelhof Onken in Dienst gestellt wurde, hatte ein Kollege. Wie die Schienen kommt die Lok aus dem Emsland und war früher im Torfabbau im Einsatz. Der Vorteil der Lok: Würde der mobile Stall mit dem Trecker gezogen, könnte der Boden vor allem bei nasser Witterung schnell vermatschen. Der Schienentransport ist schonender.

Die 1000 Hühner (Zuchtlinie: Lohmann Brown) legen täglich 900 Eier, die mit der Hand sortiert werden. „Wiesenei“ nennt Onken diese Eier. Nebenan gibt es noch einen großen Stall: Dort sind mehr als 37 000 Hennen untergebracht, die im Schnitt 30 000 Eier pro Tag legen. Alle Eier werden auf Wochenmärkten verkauft.

„Hühner sind ziemlich neugierig“, sagt der Betriebsleiter, der immer wieder Hennen aus dem Lok-Führerstand herausheben oder verscheuchen muss, weil er die Tür mal kurz aufgelassen hat. Das Gegacker und Gepicke hat erst abends ein Ende, wenn es dunkel wird. Dann steigen alle Hühner von sich aus wieder in den Stall ein, mit der Gewissheit: Die Fahrt auf dem Betriebsgelände in Ostfriesland geht bald weiter.

Helmut Reuter

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