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Norddeutschland Neumünsteraner macht Kita-Reform möglich
Nachrichten Norddeutschland Neumünsteraner macht Kita-Reform möglich
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10:51 02.10.2018
Ohne das Computerprogramm von Daniel Lawrenz (31) wäre die Kita-Reform nicht vorangekommen. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Neumünster

Die große Kita-Reform – die Leute aus dem Kieler Sozialministerium und aus den Kommunen sind mächtig stolz drauf, dass sie sie gerade auf den Weg bringen. Ende des Jahres soll das heillose Tohuwabohu um die Planung und Finanzierung aus zig Töpfen endlich ein Ende haben. Dann wird man wissen, welcher Kita- oder Krippenplatz in welcher der 1717 Einrichtungen im Land wie viel kostet und wie viel Geld der Träger dafür also erstattet bekommt. In einem kleinen Büro in Neuen Rathaus von Neumünster aber sitzt der junge Mann, der es wirklich möglich gemacht hat.

Der Excel-Spezialist ist Stadtoberinspektor in Neumünster

„Ach, nein“, sagt Dennis Lawrenz und winkt ab. Er habe ja nur ein Computerprogramm programmiert, streng genommen sogar nur Excel-Tabellen angelegt. 31 ist er. Im Controlling ist er hier tätig. Das ist sein Steckenpferd, seit er 2004 nach dem Abitur eine kaufmännische Ausbildung absolvierte. „Excel ist da das Basis-Tool.“ Der Geschäftsführung blitzschnell ausarbeiten, wie es laut den Zahlen um die Firma oder einzelne Geschäftsbereiche steht, das hat er damit gelernt. Bald reichte ihm das nicht mehr. Doch noch BWL studieren? Er entschied sich für die Verwaltung. Ein sicherer Job, gutes Geld, interessante Aufgaben – es spreche doch viel für diese Branche, sagt Lawrenz. Ein Studium an der Verwaltungsfachhochschule in Altenholz, jetzt ist er Stadtoberinspektor in Neumünster.

Daniel Lawrenz an seinem Arbeitsplatz im Rathaus von Neumünster. Ein Extra-Honorar hat er für seine Entwicklung bislang nicht bekommen. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

„Kannst Du mal eben...“, so hat es dann im August 2017 begonnen. Dass Lawrenz ein wahrer Künstler der Excel-Tabellen war, wusste seine Vorgesetzte schon. Sie selber kam gerade aus einer Arbeitsgruppe des Städteverbandes. Man wollte sich auf die Verhandlungen mit dem Land über die Kita-Reform vorbereiten. Aber was könnte und sollte man dem Land für die Einrichtungen in Rechnung stellen? Keiner wusste es. Nirgendwo liefen die vielen tausend Daten aus den Kitas zusammen.

„Kannst Du mal eben...“ Dennis Lawrenz machte sich an die Arbeit. Er, der bisher nur mal seine kleine Tochter in der Kita abgegeben, aber sonst wenig vom Thema wusste, befragte Kollegen aus dem Sozialreferat, wie so eine Kita eigentlich aufgebaut sei und welche Regeln für die Finanzierung gelten. 20 Kinder pro Gruppe, und wie viele Mitarbeiterinnen arbeiten dann dort? Wie sind sie bezahlt? Und wie viele Stunden ist eine Kita-Leiterin von der Arbeit in der Gruppe freigestellt? Um wie viel höher ist der Personalbedarf für die Betreuung von Förderkindern? Und wie sind all diese Zahlen eigentlich für eine Krippengruppe?

Die Kita-Reform

Die Jamaika-Koalition aus CDU, Grünen und FDP hat 2017 eine große Kita-Reform verabredet. FDP-Sozialminister Heiner Garg hat als Ziel ausgegeben, die Elternbeiträge zu deckeln – der Betrag dürfte am Ende bei höchstens rund 200 Euro für einen Ganztagsplatz in Kita und Krippe liegen. Außerdem sollen die Kommunen von Kosten entlastet und zugleich die Qualität der Kitas erhöht werden, zum Beispiel durch mehr Personal in den Kita-Gruppen und mehr freier Zeit für die Kita-Leitungen. Die Mehrkosten müsste dann am Ende das Land schultern. Es hat dafür bis 2022 schon insgesamt 481 Millionen Euro extra bereitgestellt. Ob das Geld ausreicht, gilt allerdings noch nicht als ausgemacht. Die Reform soll Ende 2018 fertig sein, im Sommer 2019 vom Landtag beraten werden und am 1. Januar 2020 in Kraft treten. Die gedeckelten Elternbeiträge sollen ab dem 1. August 2020 gelten. Im Gegenzug wird das von der Vorgängerregierung eingeführte Kita-Geld von maximal 100 Euro monatlich pro Elternpaar abgeschafft.

Der 31-Jährige übersetzte all das in Formeln und Zahlen. Es entstand ein regelrechter Datenteppich – hier noch eine Verknüpfung, da noch ein Schlenker, den das Programm macht, wenn ein Parameter verändert wird, wenn sich etwa das Alter einer Mitarbeiterin verändert und sie dadurch mehr Geld verdient. Lawrenz fütterte das Programm mit den Daten von immer mehr Kitas der Stadt, später aus anderen Städten. Es kristallisierten sich Durchschnittswerte heraus.

Lawrenz stellte das Programm beim Städteverband vor. Ja, genau das bräuchte man, hieß es von Geschäftsführer Marc Ziertmann und Kita-Verhandlerin Marion Marx. Weitere Kommunen fütterten das Programm mit ihren Kita-Daten, und es spuckte tatsächlich Werte aus, die den realen Zahlen in den Haushalten sehr nahe kamen. In Lawrenz’ kleinem Kosmos war eine Modell-Kita entstanden, anhand derer sich für jede echte Kita im Land der Finanzbedarf errechnen ließ, wer ihn jeweils bezahlen müsse und wie er sich verändern würde, wenn zum Beispiel nur ein Kind mehr oder weniger, kürzer oder länger betreut würde, eine Erzieherin Stunden aufstockt oder sich Gehälter erhöhen. Außerdem lässt sich an Lawrenz’ Referenz-Kita auch ablesen, wie teuer es zum Beispiel wird, wenn das Land bestimmte Kita-Standards oder Personalschlüssel anhebt oder wenn die Kommune spezielle Leistungen wie eine Zusatzbetreuung oder besonders lange Öffnungszeiten anbieten will.

Das Sozialministerium stocherte bislang ebenfalls im Nebel

Auch im Sozialministerium war man erleichtert. Endlich Klarheit über den Finanzbedarf. Nach Lawrenz’ Referenz-Kita soll nun künftig der Finanzbedarf aller Kitas im Land berechnet und vereinheitlicht werden. Weil Excel mit den 100 MB Datenteppich an seine Kapazitätsgrenze kommt, überlegt der 31-Jährige, die Daten in ein anderes Programm zu übertragen. Möglicherweise könnte man das dann mit der Kita-Datenbank verknüpfen, die das Land derzeit erstellt, sagt Lawrenz. Dann könnte man es immer gleich mit den realen Daten aller 1717 Kitas im Norden füttern und die Pauschalsätze, die die Träger für ihre je speziellen Leistungen bekämen, immer gleich anpassen.

Ein Extra-Honorar hat Lawrenz für all die Arbeit bisher nicht bekommen. Vielleicht ja, wenn sich auch andere Bundesländer für sein Werk interessieren und das Programm übernehmen sollten. Die vielen Verknüpfungen jedenfalls hat der 31-Jährige bislang nur in seinem Kopf. „Da male ich mir das alles aus.“ Eine Aufzeichnung gibt es nicht. „Man ist irgendwann in der Struktur drin.“ Er müsse jetzt wohl bald einmal Kollegen in das Programm einarbeiten, um sein Wissen weiterzugeben. Einem Sozialministeriums-Mitarbeiter hat er es bereits erklärt.

Der Elternbeitrag kann dank des Programms gedeckelt werden

Lawrenz selber wendet sich jetzt vor allem wieder dem städtischen Haushalt zu. Die Kita-Reform biegt derweil auf die Zielgerade ein. Im Sommer 2019 soll das Parlament sie endgültig absegnen. Am 1. Januar 2020 soll sie in Kraft treten. Von August 2020 an wird dann der Elternbeitrag gedeckelt, wahrscheinlich auf rund 200 Euro pro Krippen- oder Kita-Ganztagsplatz. Viele tausend Väter und Mütter werden die Erleichterung spüren. Auch dafür wird Lawrenz dann maßgeblich mit gesorgt haben. Auch wenn er das ebenfalls nicht gerne hören mag.

Wolfram Hammer

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