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Norddeutschland Der Milchpreis sinkt rapide: 400 Höfe geraten in Existenznot
Nachrichten Norddeutschland Der Milchpreis sinkt rapide: 400 Höfe geraten in Existenznot
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22:32 03.05.2016
Quelle: dpa
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Kiel/Rendsburg

Die Discounter Aldi Nord und Norma haben vorgelegt, andere Lebensmittelkonzerne folgen erfahrungsgemäß. Der Kieler Umweltminister Robert Habeck (Grüne) spricht von einer „dramatischen Situation“.

Milch-Quote weg, Russland-Embargo, ein überfluteter chinesischer Markt und Unruhen im Nahen Osten schlügen auf den Milchpreis durch, klagt Peter Lüschow, Vizepräsident des Bauernverbands und Chef der Milcherzeugervereinigung Schleswig-Holstein. „In Krisengebieten wird kaum Geld für Lebensmittel ausgegeben.“ Doch auch die Meiereien im Land – knapp 20 sind es – träfe eine Mitschuld an der tragischen Entwicklung. Angesichts der Milchkrise sollten sie stärker als bisher zusammenhalten. Es gelte, die Kräfte gegenüber dem „dominanten Einzelhandel“ zu bündeln statt sich vom Handel gegeneinander ausspielen zu lassen.

Als Eigentümer der Molkereigenossenschaften könnten die Landwirte selbst über Lieferbedingungen und Kündigungsfristen bestimmen. Lüschow klagt an: „Die Discounter senken den Preis ohne Rücksicht auf Verluste.“ 22 Cent erhält der Erzeuger noch für das Kilo Rohmilch.
„Seit gut einem Jahr verdienen die rund 4000 Milchviehbetriebe im Land kein Geld mehr – und das Ende der Fahnenstange ist nicht erreicht“, sagt Daniela Rixen, Sprecherin der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein.

Vielen Betrieben werde geraten, geregelt auszusteigen, „um nicht weiter Geld zu verbrennen“. Der Bauernverband schätzt, dass im Norden nach der Aufgabe von knapp 200 Höfen im Vorjahr weitere 400 Betriebe in diesem Jahr in ihrer Existenz bedroht sind. Umweltminister Habeck bestätigt: „Wenn das Höfesterben in dem Tempo weitergeht, wird in fünf Jahren allein in Schleswig-Holstein die Hälfte der Milchbauern verschwunden sein.“

Der Grünen-Politiker ruft Viehhalter dazu auf, weniger Milch zu produzieren. Gegenleistung: Der Bund soll Hilfe zahlen – oder EU-Mittel für die Landwirte einwerben. Falls eine Mengenreduzierung bis September auf freiwilliger Basis nicht funktioniert, soll den Bauern auf Beschluss der jüngsten Agrarministerkonferenz mithilfe der EU obligatorisch eine niedrigere Milchquote verordnet werden. Bauernpräsident Werner Schwarz sagte dem „Bauernblatt“, das sei eine „ultimative Drohgebärde gegenüber Landwirten“. Die Maßnahme sei juristisch zweifelhaft.

Aldi und Norma senkten die Preise für einen Liter Vollmilch von 59 auf 46 Cent. Auch Butter, Sahne, Quark und Joghurt wurden günstiger. „Krisengewinnler zu Lasten von Bauern und Tieren“, kritisiert Habeck. „Das ist schlicht unanständig!“ Aldi Nord begründete die Rotstift-Aktion mit dem Überangebot auf dem weltweiten Milchmarkt.

Der Tiefpreis sei Folge einer verfehlten Agrarpolitik, die jahrelang nur auf Ausweitung der Produktion gesetzt hat, schiebt der Handelsverband Deutschland (HDE) den Schwarzen Peter von sich.  Edeka zahlt kleineren Molkereien nach eigenen Angaben inzwischen höhere Preise – um sie am Markt zu halten. Edeka-Chef Markus Mosa erklärte, sein Konzern sei nicht daran interessiert, den Rohstoff Milch „zu verramschen“.

Von Curd Tönnemann

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